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»Kreis der Freunde« – Ein heimliches Netzwerk schwuler Männer in Ostwürttemberg in den 1920er Jahren

Von Arnd Kolb / Geschichtswerkstatt “Einhorn sucht Regenbogen“

„Suchen Sie Anschluss an Gleichgesinnte der Art Platos?“ Die Einladungskarte zum „Kreis der Freunde“ ist Teil einer ausführlichen Gerichtsakte, die Einblick in die Lebenswelt homosexueller Männer jenseits der urbanen Zentren in den 1920er Jahren ermöglicht. Netzwerk- und Emanzipationsstrategien kommen so zum Vorschein, aber auch Verfolgungsdruck und staatliche Repression.

Einladungskarte zum Gmünder „Kreis der Freunde“ (Staatsarchiv Ludwigsburg, Best. F 263 I St 50)

Schwäbisch Gmünd, 6. Februar 1925. Auf dem württembergischen Polizeiamt sitzt der Lithograf August Jäger beim Verhör. Der schmächtige 24-jährige wird des Verstoßes gegen den § 175 beschuldigt. Zwei Tage zuvor wurden drei Männer in Heidenheim „auf frischer Tat“ im Bett erwischt. Ihnen wird „Unzucht mit Personen männlichen Geschlechts“ vorgeworfen. Die Beschreibungen in den Akten lassen nichts unerwähnt: wer mit wem und vor allem in welcher Position. Die kleinen Details sind wichtig. Nur wenn „beischlafähnliche Handlungen“ nachweisbar sind, droht den Inhaftierten eine Verurteilung. Als einer der Haupttäter gilt Leonard Junginger, 29-jähriger Kaufmann der Maschinenfabrik Voith. Bei ihm wird in den weiteren Ermittlungen Zeitschriften, mit homoerotischen Bildern, sowie persönliche Schriftstücke gefunden. Darunter ein Brief:

                „Dieser Brief ist von August Jäger, Lithograph in Schwäbisch Gmünd, Vordere Schmiedgasse. Ich habe zu ihm keine solche Beziehungen. Soviel ich weiß, ist in Gmünd ein Kreis der Homosexuellen, ich habe keine Beziehungen zu ihnen, solche auch nicht zu Jäger.“

                Leonhard Junginger

Die Beamten schenken der Aussage wenig Beachtung. Vielmehr glauben sie, dass es „zwischen dem Junginger und dem Jäger ebenso zu unerlaubtem geschlechtlichem Verkehr“ kam. Umgehend wird ersucht, „in den Kreisen des Jägers gehörige Umschau zu halten“ und insbesondere bei notwendigen Durchsuchungen ein Hauptaugenmerk auf unsittliche Bildwerke und Korrespondenzen zu legen. Die Gmünder Polizei lässt keine Zeit verstreichen. „Auftragsgemäß“ wird August Jäger wegen Verdunkelungsgefahr um 6 Uhr abends im Geschäft seines Vaters festgenommen, auf die Polizeiwache gebracht und umgehend vernommen. Das Wort führt der 46-jährige Kriminalkommissar Johannes Krieg. Krieg geht sehr akribisch vor und lässt sich alles wiederholt erklären. Auch Tage später drängen seine Fragen auf den Beschuldigten ein, der insgesamt 14 Tage in Untersuchungshaft bleibt. Jäger verstrickt sich in Widersprüche, wankt, fällt aber nicht um:

                „Ich bestreite entscheiden, meinen Geschlechtstrieb je einmal in päderastischer Weise in den After usw. betätigt zu haben“

                August Jäger

Bild August Jägers (Staatsarchiv Ludwigsburg, Best. F 263 I St 50)

Seine Verteidigungsstrategie, die auch die anderen Angeklagten einsetzen, geht letztlich auf. Alle werden am 19. März 1925 vor dem Schöffengericht Ellwangen im „Strafverfahren wegen widernatürlicher Unzucht“ freigesprochen. In der Begründung des Urteils führte das Gericht dazu aus, dass gegenseitige Onanie nicht unter den § 175 fällt. Diesen Spielraum lässt die Gesetzgebung, wie sie bis zum 1. September 1935 Bestand hatte, zu. Erst die Nationalsozialisten erweitern den Tatbestand von beischlafähnlichen auf alle „unzüchtigen“ Handlungen. Sämtliche Handlungen, die nun in „wollüstiger Absicht“ stattfinden, darunter sind auch Berührungen oder Küsse zu verstehen, werden nun nach § 175a geahndet, der für „erschwerte Fälle“ Zuchthaus zwischen einem und zehn Jahren vorsieht.

Dem Verfolgungsdruck haben die Angeklagten standgehalten. Sie verließen als freie Männer den Gerichtssaal. Allerdings geht aus den Akten nicht hervor, ob ihr Umfeld nicht trotzdem den Stab über ihnen brach. Konnten Sie an ihre Arbeitsstellen zurückkehren? Wurden sie entlassen? Mussten sie mit gesellschaftlicher Ächtung leben? Gesichert ist, dass der jüngste Angeklagte, Oscar Ragg, auch später wegen Vergehen nach § 175 mit dem Gesetz in Konflikt kam. Im Nationalsozialismus bedeutete dies Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau. Er starb 1943 im Alter von 35 Jahren im KZ Stutthof bei Danzig.

Das ist eine Seite der Medaille. Die andere: Die Unterlagen der Strafverfolgung, die bis heute im Staatsarchiv Ludwigsburg aufbewahrt werden, spiegeln nicht nur den staatlichen Repressionsdruck, sondern vermitteln auch die Perspektive der Betroffenen, die keine Opferperspektive ist. Für Schwäbisch Gmünd sind diese Akten ein Glücksfall, da es sich um eine Überlieferung handelt, die viele überraschende Informationen enthält. Sie zeigen auf, dass es auch abseits der Ballungszentren homosexuelle Emanzipationsstrategien gab, die Einsamkeit des ländlichen Raums zu überwinden. In Schwäbisch Gmünd war es der Zusammenschluss „Kreis der Freunde“, der sich regelmäßig freitagabends im Gasthof Stern in der Vorderen Schmiedgasse und sonntagnachmittags im Wachthaus bei Lorch zusammenfand. Einladungskarten dafür verteilten die Mitglieder an Freunde und andere Männer, bei denen eine homosexuelle Orientierung vermutet wurde.

Gasthof Stern, 1919, Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. E05, Nr. 297.

Es ist anzunehmen, dass August Jäger ein enges Mitglied dieses Kreises war. In seinem Umfeld tauchen eine Reihe von Personen auf, deren Biografien über andere archivalischen Unterlagen des Stadtarchivs weiterverfolgt werden können. Sie lassen vermuten, dass der „Kreis der Freunde“ aus mindestens sechs Personen bestand. Unter diesen sticht besonders die Person des Julius („Uly“) Jetter hervor. Jetter, der zum Zeitpunkt der Verhaftung Jägers 27 Jahre alt war, scheint im Kreis eine besondere Stellung eingenommen zu haben. Aus den Ludwigsburger Archivakten lässt sich herauslesen, dass er der Schreiber der Einladungskarte zum Gmünder „Kreis der Freunde“ gewesen sein muss und auch den Kontakt zwischen Junginger und Jäger herstellte. Besonders spannend dabei ist, wie Jetter und Junginger sich kennenlernten. Beide waren Mitglied in der „Gemeinschaft der Eigenen“. Die „Gemeinschaft der Eigenen“ war ein homosexueller Verein mit Sitz in Berlin, der nicht nur eine Zeitschrift herausgab oder Kontakte zwischen seinen Mitgliedern vermittelte, sondern auch homosexuelle Männer über ihre Rechte informierte. Im Fall der erhobenen Anklage gegen Junginger, Jäger und Co. konnten sich die Beschuldigten so an diese Empfehlungen halten, um möglichst straffrei aus juristischen Verfahren herauszukommen. Das zeigen auch entsprechende Passagen aus den Verhörprotokollen der Polizei:

                „Wie aus der Zeitschrift ‚Die Freundschaft‘ hervorgeht, sind die Mitglieder sehr gut darüber orientiert, was der §175 R.St.G.B. unter Strafe stellt.“

                Müller, Kriminaloberwachtmeister

Warum Julius Jetter nicht ebenso wie die anderen angeklagt wurde, ist unklar. Es mag sein, dass dies auf eine „Kriegsinvalidität“ zurückzuführen war, wie sie von Junginger zu Protokoll gegeben wurde. Dieser und anderen Spuren muss noch nachgegangen werden, um weitere Aspekte queerer Geschichte im lokalen Kontext zu entdecken.

Quellen- und Literaturverzeichnis

Staatsarchiv Ludwigsburg, Best. F 263 I St 50 (Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des StA Ludwigsburg)

Munier, Julia Noah (2021): Lebenswelten und Verfolgungsschicksale homosexueller Männer in Baden und Württemberg im 20. Jahrhundert. Stuttgart: Kohlhammer, S. 132.

Munier, Julia Noah (2018): Lebenswelten und Verfolgungsschicksale Homosexueller in Ulm vor und nach 1933. Zunehmende Kriminalisierung und Verfolgung. In: Die Verfolgung Homosexueller in der Region, Mitteilungen Heft 68, Hg . vom Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg e.V. , Ulm a.d. Donau . H. 68, S. 3-4.; https://dzok-ulm.de/roheetop/2021/02/Mitt68-2.pdf

Weitere Beiträge aus dem Themenkreis der Geschichtswerkstatt „Einhorn sucht Regenbogen”:

Von der Wehrmacht ins Emsland-KZ: Wie § 175 einen schwulen Gmünder aus der Konformität ins Elend riss

„Homosexualität ist sicherer als die Pille“ – Die HIS (Homosexuellen Initiative Schwäbisch Gmünd) und ihr Kampf um Anerkennung

Werkstattbericht: Restaurierung eines Dachbodenfundes zur Brauereiwirtschaft “Schlüssel” in Schwäbisch Gmünd

Von Jennifer Adami

Während Mitte des 19. Jahrhunderts noch über 20 Bierbrauereien und unzählige Wirtschaften in der Stadt Schwäbisch Gmünd ansässig waren, ist der Großteil davon heutzutage verschwunden. Durch einen Zufallsfund hat nun ein Relikt dieser Zeit seinen Weg ins Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd gefunden.

Im Zuge einer Gebäudebegehung der Königsturmstraße 35 durch die untere Denkmalschutzbehörde wurde auf dem Dachboden des Gebäudes ein knapp 2cm dünnes Buch gefunden. Schnell konnte es als Ausgabenbuch der ehemaligen Brauereigaststätte „Schlüssel“ identifiziert werden, welches von 1908 bis 1916 geführt wurde. Die Brauereigaststätte selbst kann auf eine sehr viel längere Geschichte zurückblicken. Auf einer handschriftlichen Auflistung aller ortsansässigen Bierbrauer aus dem Jahr 1809 (Bestand A02.11, Bü. 69)  findet sich auch Johann Nothardt, einer der ehemaligen Schlüssel-Wirte, wieder. Die Brauerei war bis 1904 in der Rinderbachergasse 50 ansässig, bevor sie dank florierendem Geschäft in die Königsturmstraße 35, dem Fundort des Buches, umzog.

“Consignation der sämtlichen zur hiesigen Bierbauer Zunft-Lade gehörigen Glieder, sowohl hier auf der Stadt als auf dem Lande“, Neben Joh. Nothardt (letzter Name linke Spalte), tauchen auch andere bekannte Bierbrauer und Wirte der Stadt auf (Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Bestand A02.11, Bü. 69).

Aufgrund des Fundortes lässt sich vermuten, dass das Buch die letzten 100 Jahre auf dem Dachboden lagerte und dementsprechend allen möglichen äußeren Umständen wie Klimaschwankungen oder Schmutz schonungslos ausgesetzt war. Der Zustand, in dem das Buch im Archiv abgegeben wurde, bestätigt dies. Neben den gewöhnlichen mechanischen Gebrauchsspuren an den Kanten des Buchdeckels, hat vor allem die Lagerungssituation auf dem Dachboden deutliche Spuren hinterlassen. Der gesamte Buchdeckel war stark oberflächenverschmutzt. Im sogenannten Buchblock, dem inneren, gehefteten Teil eines Buches, fand sich sehr viel Schmutz und Staub. Vor allem der Falzbereich war mit losen Verschmutzungen befallen.

Die Jahrzehnte lange unverpackte Lagerung auf dem Dachboden hat zudem zu einer Verformung des Buchdeckels geführt. Der Buchdeckel aus 4mm starkem Karton lässt sich nicht mehr komplett schließen, sodass das Buch immer einen Spalt offensteht.

Um das Buch wieder nutzungsfähig zu machen, wurden folgende Restaurierungsschritte eingeleitet.

Wie bei fast jeder Restaurierung wurde das Objekt zuerst gründlich trockengereinigt, d.h. ohne Einsatz von Wasser oder Lösungsmitteln. Als Reinigungswerkzeug fungiert dabei eine Bürste, mit der der gröbste Schmutz zuerst herausgefegt wird. Danach wird jedes Blatt einzeln mit einem Latexschwämmchen gereinigt. Die losen, innenliegenden Einzelblätter, die größtenteils aus Rechnungen bestehen, wurden ebenfalls gereinigt und durch Archivumschläge dem Buch beigelegt.

Nachzustand

Ausstellung Fantastische Tierwelten

Seit Mitte März 2023 ist im Heidenheimer Kunstmuseum die Sonderausstellung „FANTASTISCHE TIERWELTEN“ zu sehen. In ihrer ersten gemeinsamen Ausstellung widmen sich das Kunstmuseum und die Historischen Museen Heidenheim dem Tier. Vom Löwenmenschen, über chinesische Drachen bis hin zu aktuellen Gemälden, Skulpturen und Installationen: Die ausgestellten Werke zeugen nicht nur von der hohen Erfindungsgabe des Menschen. Sie gewähren zudem schlaglichtigartig Einblicke in künstlerische Strategien zur Darstellung menschlicher Befindlichkeiten.

Neben Werken von ausgewählten Künstlern sind verschiedene Werken aus den Sammlungen der Historischen Museen Heidenheim, dazu kommen zwei Exponate aus dem Heidenheimer Stadtarchiv: Neben dem Mergelstetter Wappen mit einem Fischmotiv werden drei Fragmente einer Schäferfahne aus dem 18. Jahrhundert gezeigt, von denen eines aus dem Stadtarchiv stammt.

Die Ausstellung ist im Kunstmuseum in der Marienstraße während der normalen Öffnungszeiten bis zum 16. Juli 2023 zu sehen; daneben gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm.

https://kunstmuseum-heidenheim.de/fantastische-tierwelten/

Von Rosenkränzen in Ratssitzungen

Ein neuer Blogeintrag von Klaus Graf befasst sich mit der Frage, seit wann die Ratsherren der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd den Rosenkranz offen in Ratssitzungen trugen und welche Hintergründe dieser Praxis zu Grunde liegen.

Schwäbisch Gmünd, Bestand C01, Nr. 16, S. 21

Der Gmünder Ratskonsulent Johann Eustachius Jeger (1653-1729) schrieb in seiner Rechtssammlung „Periphrasia compendiosa“ (1707) zum Thema Rosenkranz, unter der Herrschaft Kaiser Karls V. habe der damalige Gmünder Bürgermeister Johann Rauchbein verkünden lassen, „wer ein rechtschaffener cathollischer Christ seye, solle seinen Rosenkrantz offentlich und ungescheuchter tragen, wie auch hernach beschen; und dahero bey einem ehrsamben rath concludiert worden, dass ein jeder Raths- und Gerichtsherr, so offt er in Rath gehen werden, seinen Rosencranz offentlich tragen, und biß zu Ende des Raths und Gerichts in der Handt behalten solle“ (Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, C1 Nr. 16 S. 21; Zitat ab Z. 18). Für den in der Quelle erwähnten Zeitraum fehlen jedoch zeitgenössische Belege. Vgl. Pascal Kolb, Policeyrecht in der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd (2003), S. 111.

Als auf dem Gmünder Marktplatz noch Affen, Kamele und Bären gastierten

Der Zirkus, wie wir ihn heute kennen, entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts. Zuerst durch feste Spielhäuser an einzelne Städte gebunden, revolutionierte eine Innovation aus Amerika ab 1900 die gesamte Zirkuswelt: das Zirkuszelt. Von nun an tourten die Zirkusdirektoren mitsamt ihrer Tiere, Akrobatinnen und Akrobaten, Clowns und Attraktionen als Wanderzirkus durch ganze Länder. Auch in den Beständen des Stadtarchivs Schwäbisch Gmünd finden sich Zeugnisse über diese damals wie heute beliebte Unterhaltungsform für die ganze Familie.

Die schwarz-weiß Abzüge gehören zum Bestand E12.05, einer kleinen photographischen Sammlung des Gynäkologen und Genealogen Dr. Walther Pfeilsticker. Wie genau die Fotos ins Archiv gekommen sind, lässt sich heute leider nicht mehr nachvollziehen. Da Dr. Pfeilsticker am Gmünder Parler-Gymnasium 1899 sein Abitur absolvierte und Mitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg war, besteht eine gewisse Verbindung zur Stadt, die den Weg der Abzüge ins Gmünder Stadtarchiv erklären könnte. Die Photographien lassen sich auf circa 1910 datieren.

Digitalisierung der ältesten Serie der Gmünder Meldekartei

Der älteste Teil der im Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd verwahrten Einwohnermeldekartei wird in den kommenden Wochen digitalisiert. Es handelt sich um ca. 70.000 Karten, in denen diejenigen Bürgerinnen und Bürger Gmünds erfasst sind, die zwischen ca. 1880 und 1927 in der Stadt lebten. Dieser Bestand wird aufgrund des Projekts vorübergehend – voraussichtlich bis zum 30. November 2022 – nicht für die Nutzung zur Verfügung stehen; auf diesen Zeitraum bezügliche Anfragen zu Erbenermittlungen, Familien- und Personenforschung können daher leider nicht bearbeitet werden. Durch die Digitalisierung soll künftig der Zugriff auf die Meldekartei erleichtert werden, da sie momentan in einem der Außenmagazine des Archivs lagert. Eine Digitalisierung leistet zudem auch einen Beitrag zur langfristigen Erhaltung des häufig genutzten Bestandes, da künftig die Verwendung der Originale entfallen kann.

Meldekarte des Silberwaren-Fabrikanten Alfred Binder (1863-1934)

“Index Librorum Civitatum” – Verzeichnis der Stadtbücher des Mittelalters und der Frühen Neuzeit

Screenshot Startseite Online-Datenbank www.stadtbuecher.de

Das Index-Projekt „Index Librorum Civitatum“ weist in einer Online-Datenbank ortsübergreifend die Überlieferung an Stadtbüchern bis 1800 nach. Dazu werden Daten aus eigenen Erhebungen der Universität Halle-Wittenberg sowie aus Informationen Dritter, z.B. einzelne Archive, verwendet. Das Projekt wird als Langfristvorhaben seit 1. Februar 2016 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, kurz DFG, gefördert und ist an eine Seniorprofessur am Institut für Geschichte der Universität Halle-Wittenberg angesiedel.

Als Stadtbücher (libri civitatum) werden Kodizes bezeichnet, die seit dem 13. Jahrhundert bei städtischen Ämtern zu Verwaltungszwecken geführt wurden. Je nach Verwendungsdauer und Aufzeichnungsumfang entstanden starke Bände oder schmale Hefte. Als Beschreibstoffe begegnen Pergament, Papier und Wachs. Ziel des Projektes ist es, die Stadtbücher aller Bundesländer bis 2028 möglichst vollständig zu erfassen (vorbehaltlich der Mittelbewilligung). Darüber hinaus wurden in einem parallelen Forschungsprojekt auch die Stadtbücher jener Teile der historischen Länder bzw. Provinzen Schlesien, Brandenburg und Pommern, die heute zu Polen gehören, in die Datenbank aufgenommen.

Online-Datenbank von A wie Adorf bis Z wie Zwönitz

Die Stadtbücher werden nach dem Provenienzprinzip den Städten ihrer Entstehung zugeordnet. In der Online-Datenbank  sind sowohl vorhandene als auch verschollene Bücher aufgenommen. Die Datenbank beinhaltet zurzeit (Stand September 2022) rund 140.000 Stadtbücher. Davon sind ca. 129.000 aus Deutschland und ca. 10.600 aus Polen. Der Anteil mittelalterlicher Stadtbücher, also jener Bücher, die vor 1550 begonnen wurden, liegt bei ca. 4.200 Bänden. Bisher wurden zu 1.654 Städten Daten erhoben.

Die Stadtbücher wurden und werden dabei bei der Erfassung nach inhaltlichen Kriterien einer Kategorie zugeordnet:

1. Stadtbücher mit vermischtem Inhalt, 2. Kopiare, Register, 3. Statuten, Willküren, Ordnungen, Rezesse, 4. Bücher des Rates, 5. Bürgerbücher, Erbhuldigungen, 6. Gerichtsbücher, 7. Zinsregister, 8. Steuerbücher, 9. Zollregister, 10. Rechnungsbücher, 11. Sonstige Stadtbücher.

Derzeit (Stand September 2022) beinhaltet die Datenbank rund 500 Archive, Bibliotheken und andere Institutionen, die Stadtbücher verwahren. Dabei reicht das Spektrum von kleinen ehrenamtlich betreuten Stadtarchiven bis zu Landes- und Staatsarchiven. Zu den einzelnen Archiven und Bibliotheken findet man in der Datenbank weiterführende Informationen, die eine mögliche Kontaktaufnahme erleichtern sollen und einen Überblick über die dortigen Stadtbuchbestände geben.

Stadtbücher der Stadtarchive Aalen, Ellwangen und Heidenheim an der Brenz sind in der Online-Datenbank aufgenommen (Stand September 2022).

Screenshot Online-Datenbank www.stadtbuecher.de

Erreichbar ist die Online-Datenbank über den Link https://www.stadtbuecher.de/

Die Informationen, die diesem Text als Quelle dienen, sind abrufbar unter https://www.stadtbuecher.de/de/about/ und

https://www.geschichte.uni-halle.de/mitarbeiter/speer/speer/#anchor2996813

Gedenken an die Deportation von Stuttgart nach Theresienstadt am 22. August 1942: Zwölf Deportierte aus Schwäbisch Gmünd

Am 22. August 1942 wurden etwa 1100 Jüdinnen und Juden aus Württemberg, Hohenzollern und Baden vom Stuttgarter Nordbahnhof ins KZ Theresienstadt deportiert, darunter sämtliche Insassen und das Personal der jüdischen Alters- und Wohnheime. Fast alle kamen entweder in Theresienstadt oder in einem der Vernichtungslager Maly Trostinec, Treblinka oder Auschwitz ums Leben. Im Gedenken an die Deportation laden mehr als 20 Initiativen und Institutionen mit Unterstützung der Landesregierung, des Landtags, der Stadt Stuttgart, der evangelischen und katholischen Kirche und der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg zu einer Veranstaltung am Sonntag, den 21. August 2022 um 16 Uhr in der Gedenkstätte “Zeichen der Erinnerung” am Stuttgarter Nordbahnhof. Zuvor wird um 14 Uhr am Gedenkstein auf dem Killesberg ein stilles Gedenken mit Rabbiner Yehuda Pushkin stattfinden. Nähere Informationen zu Ort, Programm und Veranstaltern sind hier zu erfahren.

Die Meldekarte der Gmünderin Fanny Heimann dokumentiert sämtliche Wohnorte ihres Lebens. 1939 erfolgte die Zwangsghettoisierung der bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs noch in Gmünd verbliebenen Juden, erst im Haus des damals bereits enteigneten und emigrierten Gustav Mayer (Königsturmstr. 18; vorletzte Zeile), dann in den Baracken des sogenannten Lüllig-Dorfes (Becherlehen 1/2; letzte Zeile). Aus diesem letzten Wohnplatz der Gmünder Juden wurde Heimann in das jüdische Zwangsaltersheim in Schloss Eschenau bei Heilbronn umgesiedelt (Spalte ganz rechts), von wo sie am 22. August 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Dort starb sie am 11. September. Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Meldekartei.

Unter den Deportierten sind auch zwölf aus Schwäbisch Gmünd stammende Personen namentlich bekannt: Karola Einstein (1876-1942?), Fanny Heimann (1870-1942), Selma Kahn (1873-1942), Sofie Mayer (1862-1942), Dorothea Meth (1904-1942?), Moses Max Neumaier (1864-1944), Rosine Neumaier (1871-1942), Sofie Reis (1876-1942), Carl Rothschild (1881-1944), Nannette Rothschild (1877-1972), Elfriede Spiro (1894-1943) und Louis Philipp Wallach (1863-1942). Von den 1100 Verschleppten erlebten nur 48 das Kriegsende, von den Gmünder Deportierten nur Nannette Rothschild, die 1945 in ein Flüchtlingslager bei St. Gallen gebracht wurde, von wo sie 1947 nach Palästina emigrierte.

„Kunstwerk“, „Kleinod“, „Schmuckstück“ [1] – die Herrgottsruhkapelle in Schwäbisch Gmünd feiert ihr 400jähriges Bestehen

Von Julia Schneider (Landesarchiv Baden-Württemberg)

Das runde Jubiläum bietet nicht nur Grund zum Feiern, sondern soll auch Anlass sein, einen Blick in die bewegte Geschichte des Gotteshauses zu werfen.

Die Herrgottsruhkapelle als Motiv wählt eine Gmünderin für Weihnachtsgrüße nach Dinkelsbühl, Postkarte vom 24.12.1910; Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. E05, Bd. 16, Nr. 64.

Die Herrgottsruhkapelle, in bester Nachbarschaft zur Leonhardskirche und dem Leonhardsfriedhof östlich der Altstadt gelegen, wurde 1622 anstelle einer älteren Vorgängerkapelle im Stil der Nachgotik errichtet. Verantwortlich für das Bauvorhaben zeichnete der bedeutende Gmünder Bildhauer und Baumeister Caspar Vogt d. J., der den Auftrag während seiner Arbeiten am Salvator bekam. Die an der Handelsstraße nach Nürnberg und Augsburg gelegene Kapelle, die zugleich symbolisch für den Beginn des Kreuzwegs steht, erhielt den Charakter einer Wegkapelle, die insbesondere von Reisenden aus dem Umland aufgesucht wurde.

Ein Plan der Herrgottsruhkapelle aus dem Jahr 1897 präsentiert die Kapelle nicht nur in Grundriss und Längsschnitten…
…er markiert und erläutert auf der Rückseite zusätzlich die Hochwasserstände der Jahre 1661 und 1827, wie sie auch in der Kapelle dokumentiert wurden: “Den 13. Mai 1827 / Abends zwischen 8 und 9 / Uhr ist das Wasser bis / zu diesem Zeichen gestiegen.” – “Anno 1661 den 28. / Januarii ist die Rembs / das Wasser so hoch / gestiegen und gangen / bis an diesen Strich.” Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, unerschlossener Bestand (Altregistratur, Regal 5, Fach 5).

Noch im Jahrhundert ihrer Erbauung wurden erste Ausbauten wie die Erweiterung des Kirchenschiffs eingeleitet. Nach anderen kleineren Arbeiten erfolgte 1792 der Anbau der Sakristei nördlich des Chors. Doch nur wenige Jahrzehnte später drohte der Abbruch. Hatte sich die Herrgottsruhkapelle bislang in bester Gesellschaft befunden, wurden mit Beginn des 19. Jahrhunderts ähnliche Kapellen in der Umgebung aufgegeben, so etwa die 1803 abgebrochene Friedhofskapelle St. Veits. 1839 schließlich sollte die Herrgottsruhkapelle zugunsten einer Streichholzfabrik veräußert werden, für dessen Errichtung ein Kaufmann das strategisch günstig am Rande der Altstadt gelegene Gelände ins Auge gefasst hatte. Dem Engagement eines anderen Kaufmanns, des Xaver Deibele, ist es zuzuschreiben, dass die Herrgottsruhkapelle bestehen blieb. Bei einer öffentlichen Versteigerung war er bereit, das bisherige Angebot zu überbieten. Nach Deibeles Tod ging die Kapelle wieder in das Eigentum der Stadt über, die sich fortan um die Instandsetzung des alternden Bauwerks bemühte, wenn auch die umfassenden Renovierungsarbeiten der Jahre 1894 bis 1898 erst durch Spenden ermöglicht werden konnten.

Nur kurze Zeit nachdem der Gemeinderat das Anbringen des bekannten Geigers von Gmünd nach dem Modell Karl Deibeles an der Frontalaußenseite der Kapelle autorisiert hatte,[2] beriet er über den weiteren Verbleib der Herrgottsruhkapelle. Am 13. November 1923 stimmten 16 der 27 anwesenden Gemeinderatsmitglieder für ihren unentgeltlichen Übergang an die katholische Kirchengemeinde.[3] Für einige Jahrzehnte verblieb die Herrgottsruhkapelle in der Obhut der Kirchenpflege, bis sie ein letztes Mal den Eigentümer wechselte.[4]

Südwestansicht der Herrgottsruhkapelle, aufgenommen einige Jahre vor ihrer Übergabe an den Arbeitskreis Alt-Gmünd e. V., Dezember 1970; Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. E02: Sammlung Seitz, Nr. 1169.

Am 1. November 1978 erhielt der Arbeitskreis Alt-Gmünd e. V. die Kapelle als Schenkung und investiert seitdem regelmäßig und unermüdlich Zeit, Geld und Arbeitskraft in ihren Erhalt: Einer Dacherneuerung und Maßnahmen zur Erhaltung des Epitaphs schlossen sich die umfangreichen Innenrestaurierungen der Jahre 1983 bis 1990 an. Eine weitere Außensanierung erfolgte im Zuge der Umbauarbeiten zum Gmünder Einhorn-Tunnel. Erst letztes Jahr durfte der Arbeitskreis Alt-Gmünd e. V. der Herrgottsruhkapelle ein vorträgliches Geburtstagsgeschenk machen: Im Herbst 2021 konnten die bereits 2019 angestoßenen Innensanierungen, in deren Mittelpunkt der Altar der Kapelle stand, fertiggestellt werden. Den 400. Geburtstag begeht der Arbeitskreis mit einem kleinen Festakt. Freundinnen und Freunde der Herrgottsruhkapelle kamen am 23. Juli zu einem Gottdienst in der Leonhardskirche zusammen und ließen den Nachmittag bei einem kleinen Empfang und einer gemeinsamen Besichtigung der Kapelle ausklingen.


[1] Der Reihenfolge der Nennung nach: Rems-Zeitung Nr. 252 vom 29.10.1949, S. 6 (Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. C03.17); Gmünder Tagespost Nr. 253 vom 30.10.1985, S. 16 (Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. C03.18); Rems-Zeitung Nr. 209 vom 10.09.2021, S. 13 (Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. C03.17).

[2] Dem Auszug aus dem Gemeinderatsprotokoll vom 19.02.1923, der dem städtischen Bauamt zugegangen war, liegt eine Skizze der Frontalaußenseite mit dem Geiger bei, vgl. Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. Altregistratur unerschlossen.

[3] Zur Debatte stand außerdem, die Kapelle im Eigentum der Stadt zu belassen und der katholischen Kirchengemeinde nur das Nutzungsrecht zu überlassen oder die Kapelle im Tausch gegen kirchliche Besitzungen zu veräußern. Vgl. Gemeinderatsprotokoll vom 13.11.1923 (Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. A 11 Bd. 99).

[4] Zu Geschichte, Baugeschichte und Architektur vgl. insbesondere Deibele, Albert/Kissling, Hermann: St. Leonhard in Schwäbisch Gmünd und die ihm angeschlossenen Pflegen. Geschichte und Verzeichnis der Urkunden, Akten u. Bände mit einem Anhang über die Dreifaltigkeitskapelle und den St. Salvator. 1323 bis zur Gegenwart, Schwäbisch Gmünd 1971, S. 49–58 und Dieterich, Hans-Helmut: Die St. Leonhards-Kapelle und der dortige Friedhof in Schwäbisch Gmünd. Erweiterte Ausgabe mit einer Beschreibung der Herrgottsruh-Kapelle von 1622, Schwäbisch Gmünd 2017, S. 29–36.