Von Niklas Konzen
Am 30. Juli 1953 entschied der Gmünder Gemeinderat auf Antrag der BRUNA, des Interessenverbands der Vertriebenen aus Brünn und Südmähren, „die Patenschaft über den deutschen Teil der Stadt Brünn zu übernehmen“. Damit verbunden war das Versprechen, die Vertriebenen bei der Bewahrung ihres Kulturerbes zu unterstützen und ihren biographischen Neuanfang in der eben entstandenen Bundesrepublik zu fördern.

Städtepatenschaften waren ein typisches Phänomen vor allem der Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu Städtepartnerschaften drückten sie keine wechselseitige Austauschbeziehung, sondern eine einseitige Fürsorgeverpflichtung der jeweiligen Patenstadt aus, meistens in Bezug auf die verlorene Heimat landsmannschaftlich gegliederter Gruppen von Vertriebenen (vgl. die Liste von Städtepatenschaften bei Wikipedia). In Gmünd hatte die BRUNA am 6. Juli 1953 eine entsprechende Bitte an die Stadt gerichtet, die bereits seit 1950 Schauplatz ihrer alljährlichen bundesweiten Treffen geworden war. Darin betonte der Verband den moralischen, immateriellen Charakter der erhofften Unterstützung und wies auf die historischen Verbindungen zwischen Gmünd bzw. der Region Schwaben und der Stadt Brünn hin. Letztere Aufgabe übernahm vor allem Alfons Nitsch, vormaliger Oberschulrat in Brünn und nunmehr ehrenamtlicher Mitarbeiter des Gmünder Stadtarchivs, der in einem zweiten Schreiben den Berufsweg des Heinrich (II.) Parler von Gmünd schilderte, der ab 1381 als Baumeister in den Dienst des Markgrafen Jobst von Mähren trat und in Brünn tätig war. Der Gmünder Gemeinderat anerkannte im Text der Patenschaftsurkunde vom 9. August 1953 die kulturellen Beziehungen zwischen Gmünd und Brünn und brachte seine Wertschätzung der Integrationsleistung der Brünner in Gmünd sowie seine Anteilnahme gegenüber dem Schicksal der Vertriebenen zum Ausdruck.[1]

Der Ankunft der deutschen Brünner in Gmünd war eine Tragödie mit langer Vorgeschichte vorausgegangen. Während die Ethnizität der Deutschmährer seit ihrer Ansiedlung durch die Przemysliden im Zuge des hochmittelalterlichen Landesausbaus bis zum Ende der Frühen Neuzeit eine allenfalls untergeordnete Rolle im alltäglichen Zusammenleben gespielt hatte, brachte das Aufkommen nationaler Bewegungen im 19. Jahrhundert rivalisierende nationalistische Ansprüche mit sich, die das Verhältnis zwischen den einzelnen ethnischen Gruppen belasteten. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei durch Nazideutschland ab 1938 und die Schreckensherrschaft der von Hitler eingesetzten Statthalter zerstörten die Beziehungen zwischen tschechischer Mehrheit und deutscher Minderheit. Die SS plante im Zuge des „Generalplans Ost“ u.a. die Vertreibung oder Ermordung eines großen Teils der tschechischen Bevölkerung aus Böhmen und Mähren. Nach der Umkehrung der Machtverhältnisse durch die deutsche Niederlage waren es jedoch die Deutschböhmen und Deutschmährer, die ohne Ansehen von Schuld oder Unschuld zum Opfer „ethnischer Säuberungen“ wurden. Eines der frühesten und schlimmsten Einzelereignisse der „wilden Vertreibungen“ ab Mai 1945 war die Vertreibung von 27.000 Deutschen aus Brünn und Umgebung, die zu einem Gewaltmarsch an die österreichische Grenze getrieben wurden, wobei etwa 5.200 Menschen starben, der „Brünner Todesmarsch“.
Die meisten Vertriebenen aus Brünn gelangten in die amerikanische und die britische Besatzungszone. In Gmünd kam am 5. März 1946 der erste Transport von Vertriebenen aus Südmähren an, nach der Liste des Lagers in der Hindenburgoberschule 1231 Personen aus Brünn und Iglau. Weitere Transporte folgten. Nach der Niederlassung in Nachkriegsdeutschland begannen die Überlebenden der Vertreibung ab 1947, sich in Kreisverbänden zu organisieren und landsmannschaftliche Treffen abzuhalten, die zunächst in Fürth, München und Stuttgart stattfanden, ab 1950 dann jährlich, meistens in Schwäbisch Gmünd. Bei dem ersten Gmünder Treffen beschlossen die anwesenden Verbandsvertreter die Gründung eines Bundesverbands mit dem Namen BRUNA – Landsmannschaftliche Vereinigung der Brünner und Deutschmährer. Die BRUNA förderte u.a. mit Unterstützung der Stadt Gmünd die Einrichtung einer “Brünner Heimatstube, die Herausgabe thematisch einschlägiger Schriften sowie die Aufstellung von Denkmälern (in Gmünd: Gregor-Mendel-Denkmal in der Allee am Josefsbach, Gedenktafel im Heiligkreuzmünster), seit den 90er Jahren auch an Erinnerungsorten in Brünn und Pohrlitz.[2]
Nach dem Ende des Kalten Krieges begann eine schrittweise Annäherung zwischen Tschechien (bis 1993 Tschechoslowakei) und der BRD. Auf tschechischer Seite machte sich besonders Václav Havel, Staatspräsident von 1989 bis 2003, um die Aussöhnung zwischen beiden Seiten verdient, indem er die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei öffentlich verurteilte. Speziell für die Brünner von besonderer Bedeutung waren einige Entwicklungen in jüngster Vergangenheit: Auf der einen Seite die Entscheidung der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Forderungen nach Entschädigung oder Rückgabe enteigneten Besitzes aufzugeben,[3] auf der anderen Seite die Geste der Stadt Brünn, zum 70. Jahrestag des Todesmarsches ein „Jahr der Versöhnung“ auszurufen, mit zahlreichen Gedenkveranstaltungen, darunter einem „Marsch der Versöhnung“, der am Jahrestag (30. Mai) der Route des Todesmarsches von der österreichischen Grenze zurück nach Brünn folgte,[4] ein Ereignis, das seitdem jährlich stattfindet.[5]
Aus Anlass des 70. Jahrestags der Städtepatenschaft findet am 30. Juli 2023 um 12 Uhr eine Feierstunde im Barockzimmer des Gmünder Rathauses statt.
[1] Gemeinderatsprotokoll vom 30. Juli 1953; Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. A11, Bd. 174.
[2] Ulrich Müller (Hrsg.), Verlorene Heimat – gewonnene Heimat. Die Vertriebenen in Schwäbisch Gmünd und im Ostalbkreis, Schwäbisch Gmünd 2016; insbes. die Beiträge: Wilhelm Lienert, Das deutsche Brünn und sein Ende, ebd. S. 78-89; Ulrich Müller, Ankunft und Verteilung der Heimatvertriebenen in Schwäbisch Gmünd 1945 bis 1947, ebd. S. 120-127; http://www.bruenn.org/www/bruna/de/verbgesch.php (20.07.2023).
[3] https://www.sueddeutsche.de/politik/streit-unter-sudetendeutschen-wenn-die-heimat-vom-papier-verschwindet-1.2381154 (12.07.2023)
[4] https://www.sueddeutsche.de/politik/todesmarsch-nach-zweitem-weltkrieg-bruenn-bedauert-vertreibung-der-sudetendeutschen-1.2486766 https://www.deutschlandfunkkultur.de/marsch-nach-bruenn-100.html (20.07.2023)
[5] https://www.deutschlandfunkkultur.de/marsch-nach-bruenn-100.html (20.07.2023)
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niklaskonzen (29. Juli 2023). Vor 70 Jahren: Schwäbisch Gmünd wird Patenstadt der aus Brünn vertriebenen Deutschen. OSTALBum. Abgerufen am 13. September 2026 von https://doi.org/10.58079/sla3
