von Niklas Konzen
Das Wegkreuz an der Waldstetter Brücke in Schwäbisch Gmünd steht in einer langen Reihe älterer Vorläufer: Schon im Merianstich von 1643 ist ein großes Kruzifix in der Nähe des heutigen Standorts eingezeichnet. Gemeinsam mit anderen Wegkreuzen diente das Kleindenkmal als Orientierungspunkt bei Fronleichnamsprozessionen. Jetzt wurde es mit Hilfe zahlreicher Spenden restauriert.


Das Wegkreuz am Waldstetter Bach war eines von vier gusseisernen Kreuzen, die in den Jahren 1879 und 1880 errichtet wurden; die übrigen standen am Fünfknopfturm, an der oberen Zeiselbergstraße gegenüber der Paradiesstraße und am Ausgang der vorderen Schmiedgasse an der Rems.(1) Die vier Kreuze und ihre Vorläufer dienten als Stationen während der alljährlichen Fronleichnamsprozession. Dieser Brauch verbreitete sich seit dem Spätmittelalter in ganz Europa und wurde auch in der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd eifrig gepflegt. Eine solche Prozession konnte in der Frühen Neuzeit mehrere Stunden dauern und wurde von Schau- und Prunkwagen, Sängergruppen, Musikern, Bürgerwehr und Salutschüssen begleitet. An vier Stationen wurde angehalten und der Segen in alle Himmelsrichtungen gespendet. In Gmünd waren es die vier Wegkreuze, die diese Stationen markierten.
Einen Eindruck einer solchen Prozession im 19. Jahrhundert vermittelt der aus Bettringen stammende Lehrer und Historiker Michael Grimm in seiner Stadtgeschichte von 1867:
„Das Fronleichnamsfest, Engelistag geheißen, wurde ehedem hier außerordentlich feierlich gehalten. Die Procession begann schon um 5 Uhr. Da wurden alle Heiligthümer, Fahnen und alles Silber mitgenommen. Vor jedem Hause, an dem die Procession vorbeigieng, sah man einen Altar. Auf beiden Seiten der Straßen waren Maien [also frische, grüne Zweige], der Boden aber mit Blumen bestreut. – Die Geistlichen hatten Blumenkränze auf ihren Häuptern, ebenso die Kerzenträger und Kirchendiener, sechs Ministranten waren als Engel gekleidet. – Dabei betheiligte sich das hiesige Militär und das bürgerliche Corps Lediger. – So lange wir hier noch Dragoner hatten, begleiteten sie das Allerheiligste, später geschah es durch die Infanterie, hernach durch’s Bürgermilitär. – Während der ganzen Procession waren die Stadtthore geschlossen; die Procession bewegte sich nämlich außerhalb der Stadt.“(2)
Der letzte Satz erklärt, warum sich die Wegkreuze alle an der Grenze des Altstadtbereichs, außerhalb der spätmittelalterlichen Stadtmauer, befanden.

Bild: Niklas Konzen
Das korrosionsgeschädigte gußeiserne Kreuz an der Waldstetter Brücke war Anfang August abgebaut, anschließend von Schmutz und Rost befreit, mit neuem Anstrich und neuer Vergoldung versehen worden. Ermöglicht wurde die Restauration durch private Spenden, insbesondere der Bürgerstiftung.
(1) Richard Strobel: Die Kunstdenkmäler der Stadt Schwäbisch Gmünd, Bd. 3: Profanbauten der Altstadt ohne Stadtbefestigung, München / Berlin 1995, S. 351.
(2) Michael Grimm: Geschichte der ehemaligen Reichsstadt Gmünd, Schwäbisch Gmünd 1867, S. 425f.
Nachtrag vom 12.02.2025:
Grimms oben wiedergegebene Beschreibung basiert offenbar auf einer älteren Darstellung von Dominikus Debler (1756-1836), der den Prozessionsablauf in der späten Reichsstadtzeit (Ende 18. Jh.) wiedergibt (StadtA Schwäbisch Gmünd, C1 Nr. 12: Dominikus Debler, Chronik, Bd. 4, S. 154f; vgl. Transkription bei Else Gündle (Bearb.), Transkription der Gmünder Chronik des Dominikus Debler (masch.-schr. Manuskript, o. J.), Bd. 4.1, S. 166f (155f) [hier]). Da die Einbeziehung der vier Wegkreuze dort noch deutlicher wird, gebe ich sie hier wieder:
Fronleichnamstag. Diesen Tag riefen hier die Alten den Engelistag. Am Donnerstag ging die Prozession morgens um 5 Uhr von der Pfarrkirche aus. Das ist das größte Fest im ganzen Jahr. Es wurden alle Heiligtümer, Fahnen und Silber mitgetragen. Bei jedem Haus, wo die Prozession geht, war ein Altar. Die Strassen waren auch auf beiden Seiten mit Maien besteckt, die Strassen aber mit grossen Blumen [bereitet?]. Die Geistlichen hatten Blumenkränze auf ihren Häubten, so auch die Kerzenträger und Diener der Kirche. 6 Buben wie Engel gekleidet sind gleichfalls Ministrantenbuben. Der Zug gehet zu den Kapuzinern, dann zum Waldstätter Thor hinaus, und auf dem Graben, wo das Kreuz stehet, wurde das erste Evangelium gelesen.
Hiesiges Militaire: Das hiesige Millitär stund gleich beim Thorhäuslein.
Bürgerliche Compagnie Lediger: Die bürgerliche Compagnie aber zwischen dem Wasser und St. Josephs Gartten. Von da aus ging die Prozession den Graben hin ab bis zum Untern Thor, da wurde das zweite Evangelium gelesen.
Hiesiges Millitär stand gleich bei dem Thor. Die bürgerliche Compagnie aber vor dem Thor draussen.
Thor Sperren. NB. Solange die Prozession, auch alle Thor gesperrt.
Von da aus die Ledergaß hinauf in Spittal und die Schmiedgaß hinaus, bei dem Schmidthor ausserhalb vor dem Kreutz wurde das dritte Evangelium gelesen.
(154)
Das Millitär stund gleich beim Thor. Die Bürgerliche Compagnie an der Strasse nach St. Leonhards Bruck. Von da aus hinauf zum Rinderbacher Thor, bei der Brück wurde das 4te Evangelium gelesen. Das Millitär und Bürgerliche Compagnie stund auf der Straß gegen die Pfennig-Mühl. Von da aus die Gaß herein zu den Franziskanern, da ruhte man aus, von da das Marktgässle herunter zu St. Johann. Von da zu den Dominicanern und dann zu den Augustinern und dann in die Pfarrkirche. Da stunden das Militär und die Bürgerliche Compagnie auf dem Markt und bei der Pfarrkirche.
NB. Da wir noch Dragoner hatten, so waren sie allezeit neben dem Sanctissimum gangen. Bei Abgang dessen ging die Infanterie, dann die bürgerliche Gesellschaft.
Am Sontag darauf war die Prozession beim Dominicaner. Da ging die Prozession vom Dominicaner aus, war das 1. Evangelium bei Herrn Bürgermeister Majer modo Herrn Josef Beisswenger, von da die Gaß hinaus über die Badmauer. Da war das 2te Evangelium bei Herrn Bürgermeister Schedel, von dann die Gaß herein auf den Markt. Beim Haasen war das 3te Evangelium und dann bei Herrn Bürgermeister von Stahl war das 3te [sic] Evangelium gelesen.
(155)
Beim ersten Evangelium stunden die bürgerliche Kompagnie auf der Badmauer, beim 2ten wieder, beim dritten beim Mohrenwirt, beim 4ten bei der Obern Apotheke.
Den Donnerstag darauf aber war es um die Pfarr. Als von der Pfarr ging die Prozession aus, und war das erste Evangelium bei Herrn Dr. Bommas, das zweite beim Wischer, das 3te bei Herrn Bürgermeister König, das 4te beim Magister. Es war Andacht und Stadt dabei.
(156)
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niklaskonzen (9. Oktober 2024). Das Wegkreuz an der Waldstetter Brücke: Relikt der Gmünder Fronleichnamstradition restauriert. OSTALBum. Abgerufen am 11. September 2026 von https://doi.org/10.58079/12fzz
