Ein Einhorn wird 750: Schwäbisch Gmünd feiert das Jubiläum seines Wappentiers

von Niklas Konzen

Doppeladler und Einhorn am reichsstädtischen Waisenhaus (1768). Bild: Niklas Konzen

Das Einhorn in Siegel und Wappen von Schwäbisch Gmünd ist wohl das älteste „kommunale“ Einhorn im deutschsprachigen Raum. Vor 750 Jahren wurde das Gmünder Stadtsiegel zum ersten Mal an eine Urkunde gehängt. Seitdem hat das Einhorn die Stadt über sämtliche Umbrüche eines Dreivierteljahrtausends hinweg repräsentiert. Die Gmünder Einhorntradition steht heute einem globalen Einhornhype gegenüber, der auf den ersten Blick wenig mit mittelalterlicher Heraldik (oder Sphragistik) zu tun hat. Einhörner liegen weit über Gmünd hinaus im Trend, als Kinderbuch- und Spielzeugfigur in Pastell- und Regenbogenfarben, als spielerisches Designelement für Konsumgüter aller Art, oder auch als queeres Symbol. Die Rolle des Einhorns als kommerzielles „Zauberpferd für kleine Mädchen“ hat jedoch mehr mit den symbolischen Wurzeln des Gmünder Stadtwappens gemein, als man zuerst vermuten würde.

Großes Siegel der Reichsstadt Gmünd, ältester erhaltener Siegelabdruck an einer Urkunde des städtischen Spitals vom 3. Februar 1277 (StadtA Schwäbisch Gmünd, A01 U 1).

Der älteste erhaltene Abdruck des Gmünder Stadtsiegels mit dem Einhorn datiert vom 3. Februar 1277. Mit dem Stadtsiegel wurde jedoch bereits am 11. Oktober 1275 eine Urkunde beglaubigt, also vor nun 750 Jahren (HStA Stuttgart A 499 U 857). Das Siegel selbst ist hier zwar verloren, wird aber im Urkundentext angekündigt. Der Erstbeleg dieses Siegels ist ein Meilenstein in der Entwicklung der Stauferstadt Gmünd zur autonomen Reichsstadt: Erstmals tritt der Gmünder Rat, unabhängig vom stadtherrlichen Schultheißen, als Siegelführer und damit als handlungsfähiges, eigenständiges Gremium in Erscheinung. Das Einhorn wurde zum Symbol reichsstädtischer Autonomie und ging vom Siegel bald auch in das Gmünder Wappen über.

Die allegorische Einhornjagd mit dem Verkündigungsengel Gabriel in der Rolle des Jägers, dem Christuskind auf dem Rücken des Einhorns und Maria als Jungfrau, hier dargestellt um 1500 in der Memminger Marienpfarrkirche. Bild: Thomas Mirtsch (CC BY-SA 3.0); URL: https://de.wikipedia.org/wiki/ Unser_Frauen_(Memmingen)#/media/Datei:Marienzyklus.jpg (10.07.2025).

Warum aber nun gerade ein Einhorn? Den Zeitgenossen des 13. Jahrhunderts war das Einhorn vor allem aus dem Physiologus bekannt. Dort wird es beschrieben als wildes, unzähmbares Tier ähnlich einer kleinen Ziege, das von keinem Jäger gefangen werden kann – es sei denn, es trifft in der Wildnis eine Jungfrau: Dann läuft es zutraulich zu ihr hin, legt seinen Kopf in ihren Schoß und schläft ein, und so kann es gefangen werden. Diese Geschichte ist in der Quelle eigentlich eine Allegorie, in der die Jungfrau für Maria, das Einhorn für Christus und der Einhornfang für die Menschwerdung Christi steht. Sie war so weit verbreitet, dass das Einhorn seit dem Frühmittelalter mit zunehmender Häufigkeit als Mariensymbol fungierte.

Inszenierung des Gmünder Stadtwappens als allegorische Einhornjagd, hier skizziert von Dominikus Debler (1756-1836), nach 1802. Aus dieser um 1520 geschaffenen Figurengruppe sind Jungfrau und Jäger erhalten und befinden sich heute im Landesmuseum Württemberg. Das Einhorn ist leider verschollen. Die im gleichen Kontext im Chor des Münsters aufgestellten Wappen des Reichs (doppelter und einfacher Reichsadler) und der staufischen Herzöge von Schwaben (Drei-Löwen-Schild), die Debler ebenfalls zeichnerisch festgehalten hat, konnten inzwischen im städtischen Museum (Adler) bzw. in der Münstersakristei (Stauferschild) aufgefunden werden. StadtA GD C1 Nr. 12 (Chronik von Dominikus Debler), Bd. 6, S. 28.

Maria wiederum war Pfarrpatronin von Schwäbisch Gmünd und so allegorischer Bezugspunkt des Einhorns in der Stadt. Das Gmünder Einhornsiegel lässt sich dem Typ des Heiligensiegels zuordnen, das sich in der Regel auf einen lokalen heiligen Patron bezog. Vom 14. bis 16. Jahrhundert ließ die Reichsstadt eine neue gotische Pfarrkirche bauen, deren Bauplastik am Langhaus deutlich von Maria dominiert wurde. Die Bürgerschaft hat sich mit ihrer Kirche stark identifiziert und viel Aufwand in ihre Austattung gesteckt. Auf dem Chorgestühl befand sich spätestens ab 1550, neben den Wappen des Reichs und der staufischen Herzöge von Schwaben, eine Figurengruppe, die das Stadtwappen als allegorische Einhornjagd inszenierte und so in einen Marienkontext stellte. Die Verbindung zwischen Stadtsymbol und Pfarrpatronin wurde im Allerheiligsten der Stadtgesellschaft öffentlich zur Schau gestellt, und das über 250 Jahre lang.

Einhörner ziehen den Triumphwagen der Himmelskönigin Maria im Titelblatt des “Triumph des Heyligen Rosenkrantz“, verfasst 1668 durch den Gmünder Dominikaner Sebastian Schlettstetter. Im Hintergrund die Reichsstadt Gmünd.

Die heraldische Trias von Einhorn, Reichsadler und Stauferlöwen brachte das Selbstverständnis der Reichsstadt als „historische“ Hauptstadt der staufischen Herzöge von Schwaben zum Ausdruck. Da die Jungfrau Maria im Verlauf der Frühen Neuzeit zur Symbolfigur der Gegenreformation wurde, erfuhr auch das Einhorn im katholischen Gmünd eine konfessionelle Umdeutung. Zugleich wurden Vorstellungen des Einhorns als reales Lebewesen durch den Buchdruck und das Aufkommen empirischer Naturforschung stärker verbreitet, auch in Gmünd. Die alte Allegorie des Einhornfangs (und damit der ursprüngliche Bezug des Einhorns zu Maria als Pfarrpatronin) rückte in den Hintergrund.

An dieser Wappendarstellung am Schwörhaus (ca. 1590) wurden 1802 der Doppeladler und das Einhorn ausgemeißelt. Bild: Niklas Konzen

Als die Reichsstadt Gmünd 1802 unter württembergische Herrschaft fiel, wurden die Wappen des Alten Reichs und der Reichsstadt, Doppeladler und Einhorn, vielerorts getilgt und durch württembergische Geweihstangen ersetzt. Das Gmünder Einhorn verlor seinen Status als staatliches Hoheitszeichen und damit erheblich an Relevanz und Sichtbarkeit. Dieser Zustand war jedoch nur vorübergehend: Mit der Wiederentdeckung vormoderner Kunststile und Symbole im Historismus des Kaiserreichs erlebte das Wappentier am Ende des 19. Jahrhunderts eine Renaissance. Es wurde (und wird) überall dargestellt, wo an die vormoderne Stadtgeschichte erinnert werden sollte.

Renaissance durch Historisierung: Einhörner in der Bauplastik des alten Stadtbads (erbaut 1901/02, abgerissen 1973/74) und in einer Postkarte (ca. 1904). Bild: Niklas Konzen / StadtA GD E05 Nr. 1.

Von diesem Ausgangspunkt ist das Gmünder Einhorn bis heute in alle Bereiche der lokalen Alltagskultur vorgedrungen, als Zeichen für Herkunft und Zugehörigkeit. Hier trifft es schließlich auf den globalen Einhornhype der Gegenwart: Die Legende vom Einhornfang durch eine Jungfrau ist heute, reduziert um seine Marienallegorie, zu einem Grundmotiv des Gendermarketings kommerzieller Einhornprodukte geworden. Aufgrund seiner in diesem Kontext entstandenen Assoziation mit Regenbögen (evtl. ausgehend von “Das Letzte Einhorn“, 1982?), aber vielleicht auch aufgrund zugeschriebener Eigenschaften wie Seltenheit, Anderssein und Unabhängigkeit fungiert das Einhorn inzwischen außerdem als Symbol der LSBTIQ*-Bewegung und (z. B. bei Demonstrationen gegen Rechtsextremismus) allgemein als positives Symbol für Diversität.

Im Logo der Gmünder Geschichtswerkstatt “Einhorn sucht Regenbogen“. Design: Brigitte Häussermann

Mehr zu diesen Themen im Jubiläumsband:

Niklas Konzen, Das Einhorn von Schwäbisch Gmünd: 750 Jahre eines Stadtsymbols (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Gmünd 19), Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag, 2025; 148 Seiten, 108 Abb., 18 EUR.

Die Buchvorstellung findet am 11. Oktober 2025 um 17.00 Uhr im Festsaal des Franziskaners in Schwäbisch Gmünd statt. Danach ist das Buch im lokalen Buchhandel erhältlich sowie beim Einhorn-Verlag und beim Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd bestellbar.

Nachtrag 19. März 2026: Die ARTE-Dokumentation “Das Einhorn. Kulturgeschichte einer Sehnsucht” hat das Thema inzwischen aufgegriffen.

Nachtrag 12. August 2026: Rezensionen auf Archivalia sowie in der Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
niklaskonzen (2. Oktober 2025). Ein Einhorn wird 750: Schwäbisch Gmünd feiert das Jubiläum seines Wappentiers. OSTALBum. Abgerufen am 12. September 2026 von https://doi.org/10.58079/14ue4


5 Gedanken zu „Ein Einhorn wird 750: Schwäbisch Gmünd feiert das Jubiläum seines Wappentiers

  1. Reinhard Gunst

    Hallo Herr Conzen,
    Dass die Verästelung des Geweihs auf die mangelnde Handwerkskunst beim Ziselieren des Einhorns zurückzuführen sei, mag dem Gmünder Laien ja plauisibel erscheinen. Wer sich in der christlichen Bildsprache und deren Symbolik aber genauer auskennt, sieht hier
    in diesem Hirschgeweih die frühe Doppeldeutigkeit des Einhorns.Schon früh entwickelte sich der Hirsch, bedingt durch die Regeneration seines Geweihs und den rötlichen Bast zum Symbol Christi.
    In der Frühphase der Einhornsymbolik wurde in ihm eben Christus und Maria noch in Personalunion gesehen. So steht das Horn auch für den Monotheismus und die Menschwerdung vor Gott. Insofern scheint hier eben doch auch die Symbolik des Hirsches durch und der ausführende Handwerker hielt sich also genau an diese Vorstellungen. Damit entpuppt sich das frühe Gmünder `Einhorn` eben als eine Übergangsform, in der tatsächlich die Symbolik des Hirsches aus der Ringsage noch zu erkennen ist. Auch sie hat ja einen wahren Kern. So verweist jener Ring auf die den Verlobungsring Marias, einer Reliquie, die Jahrhunderte lang in der Stadt Chiusi aufbewahrt wurde. Dieser Ring führte in der Sage zur Gründung der Johanniskirche, deren Ostung auf den Sonnenaufgang am Tag Mariä Himmelfahrt ausgerichtet wurde. Damit hatte wohl ursprünglich ein Marienpatrozinium.

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    1. niklaskonzen Beitragsautor

      Aus den genannten Gründen (zeitgenössische Vergleichsbeispiele, Datierung der Ringsage, Kontinuität in der reichsstädtischen Herrschaftsrepräsentation) sehe ich für die Hirschtheorie ehrlich gesagt keine faktische Grundlage.

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  2. Reinhard Gunst

    Die Gestalt auf dem ersten Siegel mag zwar auf den ersten Blick als Einhorn erscheinen, doch hier weicht einiges vom lupenreinen Einhorn ab. Das Horn hat 4 Enden, was auf einen Hirsch hinweist. Ein symmetrischer Geweihansatz ist zudem zu erkennen und dann wärendies 8 Enden , die so zahlensymbolisch auf den Auferstandenen hindeuten. Da das abgebildete Tier ein Paarhufer ist passt auch dieses Detail zum Hirsch, denn Pferde, also wohl auch Einhörner sind Unpaarhufer sind. Zur Ikonografie des Hirsches als Christustier passt hier auch das über dem Geweih sichtbare Kreuz. Das tauchte ab dem 12.Jhd. Auch vermehrt in Bilddarstellungen auf. Insofern ist die Geschichte vom frühen Einhorn eben auch eine Gmünder Legende, wie so viele in Schwäbisch Nazareth..

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    1. niklaskonzen Beitragsautor

      Hallo Herr Gunst,
      da Sie das Buch offensichtlich nicht gelesen haben, referiere ich Ihnen ganz kurz einige zu Ihren Annahmen relevante Informationen:
      – Einhörner werden mindestens in Mittelalter und Früher Neuzeit (in heraldischen Darstellungen auch darüber hinaus) üblicherweise als Paarhufer dargestellt. Vorstellungen vom Einhorn als Pferd kommen im 19. Jahrhundert auf und sind in der Moderne weiter popularisiert worden (Das Letzte Einhorn, My Little Pony etc.).
      – Die Einhorndarstellung im Gmünder Siegel entspricht der in anderen Einhornsiegeln des Spätmittelalters (z. B. Giengen, Bludenz). Ich verweise auf meine Aussage (S. 129f) zu der 1987 von Theodor Zanek in die Welt gesetzten Spekulation, die Siegelfigur habe eigentlich den Hirsch aus der „Ringsage“ darstellen sollen: „Die Umdeutung eines Wappentiers vom Hirsch zum Einhorn würde allerdings einen Traditionsbruch voraussetzen, der erklärt, wie die ursprüngliche Bedeutung der Siegelfigur in Vergessenheit geriet (…). Ein vergleichbarer Traditionsbruch ist für Gmünd nicht zu belegen. Zudem wird das Einhorn in gleicher oder ähnlicher Form wie auf den Gmünder Siegeln auch in zahlreichen anderen Siegeln und Wappen des Spätmittelalters abgebildet, die dann ja dem gleichen Irrtum unterliegen müssten. Was Zanek für Verästelungen am Horn des im Stadtsiegel dargestellten Tieres hält, ist offensichtlich der nur bedingt erfolgreiche Versuch, die typische Windung des Horns im Kleinstformat nachzubilden. Anders als im Gmünder Siegel werden Hirsche in Siegelbild und Wappen mit nach hinten gerichtetem Gehörn dargestellt (vgl. z. B. Siegel und Wappen von Hirschhorn, Lkr. Bergstraße). Schließlich ist die Ringsage in ihrer Gmünder Ausprägung eine Schöpfung frühestens des 15. Jahrhunderts (Graf, Ring (1987), S. 104f), die ein Siegelbild des 13. Jahrhunderts folglich nicht beeinflusst haben kann.“

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  3. Pingback: Das Einhorn von Schwäbisch Gmünd als Stadtsymbol – Archivalia

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