Gerne nehmen wir eine Meldung bei Archivalia zum Anlass, die bisher bei Ostalbum publizierten Übersichten der online verfügbaren Kirchenbücher zu Schwäbisch Gmünd und seinen Teilgemeinden auf den neuesten Stand zu bringen:
“Am 11. März 1940 nach Philadelphia verzogen” – so lautet der letzte Eintrag in dem Register, das die Vorsteher der Gmünder jüdischen Gemeinde seit etwa 1890 über ihre Mitglieder geführt hatten. Analog zu den Kirchenbüchern christlicher Glaubensgemeinschaften wurden darin die Haushaltsvorstände mit ihren Familien erfasst, jede Geburt, jede Eheschließung und jeder Sterbefall festgehalten, ebenso wie die Wegzüge von Gemeindemitgliedern. Der eingangs zitierte Vermerk galt Ludwig Hess (*1888), seiner Ehefrau Martha (*1885), getraut am 23. März 1921 in Schwäbisch Gmünd, und ihrer 1925 geborenen Tochter Liselotte Babette. Seit Kriegsausbruch interniert in der Königsturmstr. 18, einem enteigneten Haus aus jüdischem Besitz, das die Stadt den verbliebenen Juden als Zwangsquartier zugewiesen hatte, gelang der kleinen Familie ein halbes Jahr später noch die Flucht vor dem Terror der Nazis. Die jüdische Gemeinde von Schwäbisch Gmünd existierte da schon nicht mehr.
Unter den Gründern der modernen jüdischen Gemeinde war der aus Oberdorf zugezogene David Heimann (1837-1893), der im “Remsthal-Boten” vom 15. September 1864 für sein neueröffnetes Textilgeschäft warb (Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. C03.03, Bd. 36, S. 457). Auch er ist mit seiner Familie im Familienregister der Gemeinde verzeichnet.
Ein Blick zurück: Juden siedelten sich in der Stadt seit den 1860er Jahren an, als die Emanzipationsgesetze des Königreichs Württemberg sie bürgerrechtlich weitgehend mit der christlichen Mehrheit gleichgestellt hatten. Die mittelalterliche Gemeinde, die Kaiser Maximilian 1501 auf Betreiben der damaligen Stadtobrigkeit nach etwa drei Jahrhunderten gemeinsamer Geschichte aus Gmünd ausgewiesen hatte, war zu diesem Zeitpunkt nur noch eine ferne Erinnerung. Im Zuge der Neuansiedlung wirkte nun eine Gruppe jüdischer Gmünder erfolgreich auf die Neugründung einer religiösen Gemeinde hin. Am 22. August 1890 verfügte die Israelitische Oberkirchenbehörde in Stuttgart die Einrichtung einer selbständigen, staatlich anerkannten Synagogengemeinde in Gmünd, die dem Rabbinat Oberdorf zugeordnet wurde. Die jüdische Gemeinde wuchs nie über eine Mitgliederzahl von 100 hinaus, blieb aber über die folgenden Jahrzehnte eine konstante Größe der Stadtgesellschaft. Mit der Einweihung der neuen Synagoge in der Katharinenstraße gewann die Gemeinde am 16. Mai 1926 ein eigenes Zentrum und war nicht mehr auf die Nutzung städtischer Räume angewiesen, deren Zusage jederzeit zurückgezogen werden konnte.
Bericht der Remszeitung vom 22. Mai 1926 zur Einweihung der neuen Gmünder Synagoge (Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. C03.37, Bd. 117).
Das Familienregister war nicht unter den 1938 beschlagnahmten Büchern, denn es erscheint nicht in den erhaltenen Objektlisten und wurde, wie der Eintrag zu Ludwig und Martha Hess zeigt, noch bis 1940 weitergeführt. In diesem Jahr jedoch wurden die Personenstandsunterlagen sämtlicher jüdischen Gemeinden in Deutschland durch das Reichssippenamt eingezogen und in Berlin gesammelt. Zur Sicherung vor Luftangriffen wurden die Dokumente später auf Schloss Rathsfeld am Kyffhäuser gebracht und dort durch die Duisburger Firma Gatermann mikroverfilmt. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt, denn die Originale sind bis heute verschollen; die Mikrofilme jedoch überstanden den Krieg. Die Reprographien der Register jüdischer Gemeinden aus Baden und Württemberg wurden in den Fünfziger Jahren durch das Landesarchiv Baden-Württemberg erworben, später digitalisiert und online bereitgestellt. Das Register der Gmünder Gemeinde ist dort heute unter der Signatur Hauptstaatsarchiv Stuttgart, J 386 Bü 512 abrufbar.
Damit war das Dokument bereits in den letzten Jahren weltweit einsehbar, doch stellte die Lesbarkeit der fast 80 Jahre alten Mikrofilme eine gewisse Hürde dar. Um die Nutzung für Forschungen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde sowie die Familienforschung zu erleichtern, hat das Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd nun eine Edition herausgegeben, die über den Publikationsserver der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd ebenfalls online verfügbar ist: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:752-opus4-1603
Die Transkription sowie die Ergänzung von Informationen aus städtischen Melde- und Personenstandsregistern besorgte Valeska Martin, die Übersetzung der hebräischen Textteile Dr. Andreas Lehnertz. Das Layout wurde durch das Team von freitag & häussermann realisiert. Wir danken an dieser Stelle allen Beteiligten!
Die anlässlich des diesjährigen Tags des Gedenkens der Opfer des Holocaust vorgestellte Edition soll ein personenkundliches Hilfsmittel für die Forschung sein, zugleich aber auch ein virtuelles Denkmal, das die Namen der Emigrierten und Ermordeten in ihrem familiären Gefüge dokumentiert und so beiträgt, die Leerstelle nachvollziehbar zu machen, die der Holocaust in Gmünd hinterlassen hat.
Pfarrer Friedrich Walcher (1872–1957) betreute knapp vier Jahre lang, vom 10. Januar 1900 bis zum 08. Dezember 1903 die 1867 gegründete, evangelische Pfarrgemeinde Spraitbach im heutigen Ostalbkreis.1
Neben seinen Pflichten als Seelsorger fand er noch die Zeit, eine “Chronik der evangelischen Gemeinde Spraitbach” zu verfassen, die heute so genannte „Walcher-Chronik“. Zunächst als Synodalaufsatz entstanden, wurde der Text nach Walchers Weggang aus Spraitbach noch ergänzt und überarbeitet. Die Walcher-Chronik ist heute ein wertvolles Zeitdokument, nicht nur wegen der umfassenden, quellengestützten Darstellung von Ort und Umland, sondern vor allem als Zeugnis jenes bildungsbürgerlichen, vom typischen Nationalstolz der Zeit geprägten Millieus, dem Walcher angehörte.2
Anlässlich der 700-Jahr-Feier der Gemeinde wurde die Chronik 1996 von Marlis Schleissner-Beer als kommentierte Ausgabe erstmals im Druck veröffentlicht. Das Manuskript befindet sich heute im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart (Bestand G 519, Nr. 29 bzw. Nr. 30).
Mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberin und des Einhorn-Verlags konnte das Werk vom Kreisarchiv digitalisiert werden.3
Das Digitalisat ist auf dem Hochschulschriftenserver der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd bereitgestellt, mit OCR-Texterkennung bearbeitet und im Volltext durchsuchbar. Zu erreichen ist es über den nachfolgenden Link: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:752-opus4-1524.
Buchcover der Walcher-Chronik
Zu Leben und Wirken Walchers vgl. Hermann Ehmer, Friedrich Walcher 1872–1957, in: Spraitbacher Autoren, hg. von der Stiftung Literaturforschung in Ostwürttemberg, Schwäbisch Gmünd 2010, S. 104–123 [↩]
Vgl. das Vorwort zur Walcher-Chronik, hg. von Marlis Schleissner-Beer, Schwäbisch Gmünd 1996, S. 8–9. [↩]
Dank für unermüdliche Scan-Arbeit geht an Frieder Schupp. [↩]
Die Sammlung heimat- und ortsgeschichtlicher Aufsätze und Nachrichten wurde vom Geschichts- und Altertumsverein Ellwangen erstmals 1910 herausgegeben. Seit Band 16 (1954/55) erscheint das Jahrbuch im Abstand von zwei Jahren. Den inhaltlichen Schwerpunkt bildet die Erforschung der Geschichte der Benediktinerabtei und der Fürstpropstei Ellwangen, ergänzt um Beiträge zur Alltagsgeschichte sowie Vereinsnachrichten, Buchrezensionen und eine Ortschronik.
Das Stadtarchiv Ellwangen digitalisiert die alten Jahrbücher schrittweise und stellt sie online bereit. Den Anfang machen die Bände 1 bis 4:
Der älteste Teil der im Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd verwahrten Einwohnermeldekartei wird in den kommenden Wochen digitalisiert. Es handelt sich um ca. 70.000 Karten, in denen diejenigen Bürgerinnen und Bürger Gmünds erfasst sind, die zwischen ca. 1880 und 1927 in der Stadt lebten. Dieser Bestand wird aufgrund des Projekts vorübergehend – voraussichtlich bis zum 30. November 2022 – nicht für die Nutzung zur Verfügung stehen; auf diesen Zeitraum bezügliche Anfragen zu Erbenermittlungen, Familien- und Personenforschung können daher leider nicht bearbeitet werden. Durch die Digitalisierung soll künftig der Zugriff auf die Meldekartei erleichtert werden, da sie momentan in einem der Außenmagazine des Archivs lagert. Eine Digitalisierung leistet zudem auch einen Beitrag zur langfristigen Erhaltung des häufig genutzten Bestandes, da künftig die Verwendung der Originale entfallen kann.
Meldekarte des Silberwaren-Fabrikanten Alfred Binder (1863-1934)
Nach den Aalener Ausgaben konnten nun auch die Mitteilungsblätter des Landkreises Schwäbisch Gmünd, zunächst bis 1951, online verfügbar gemacht werden. Weitere Jahrgänge folgen.
Wie üblich wurden die Dateien mit OCR-Texterkennung bearbeitet und sind im Volltext durchsuchbar. Die Bereitstellung erfolgt unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0 DE.
Die “Mitteilungen der Behörden des Kreises Schwäbisch Gmünd” (ab April 1946 “Amtsblatt für den Landkreis Schwäbisch Gmünd”) wurden ab 18. Mai 1945 herausgegeben; bis einschließlich Ausgabe 225 vom 8. Oktober 1949 erschienen die Blätter “mit Genehmigung der Militärregierung, Presse-Abteilung ICD”.
Die einzelnen Jahrgänge sind über diese Übersicht oder direkt über die nachfolgenden Links zu erreichen:
Aus den Beständen des Kreisarchivs Ostalbkreis sind nun die ab Juni 1945 bis Dezember 1954 vom Landkreis Aalen1 herausgegebenen Amtsblätter im Internet Archive online verfügbar. Die Dateien wurden mit OCR-Texterkennung bearbeitet und sind im Volltext durchsuchbar. Die Bereitstellung erfolgt unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0 DE.
Einige Ausgaben wurden mit falscher Zählung veröffentlicht. Mit Ausnahme der Nummern 17/1953 und 32/1954 ist die Serie jedoch vollständig.
Die einzelnen Jahrgänge sind in je einer Datei zusammengefasst und über diese Übersicht oder die nachfolgenden Links zu erreichen:
Der Einsatz von Fremd- und Zwangsarbeitern unter dem NS-Regime ist erst seit vergleichsweise kurzer Zeit in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen gerückt. Wichtige Meilensteine hierbei waren der mit dem Ende des Kalten Krieges verbundene Wegfall politischer Hindernisse für eine historische und juristische Aufarbeitung sowie die Einrichtung der Stiftung „Erinnerung, Vergangenheit und Zukunft“ im Jahr 2000, die erstmals den Betroffenen unter bestimmten Voraussetzungen die Einforderung von Rentenansprüchen ermöglichte.
In Schwäbisch Gmünd waren während des Zweiten Weltkriegs über 3000 Fremd- und Zwangsarbeiter eingesetzt, vor allem in Rüstungsindustrie und Landwirtschaft – Männer, Frauen und Kinder, die häufig gegen ihren Willen verschleppt und zur Arbeit gezwungen worden waren, darunter Franzosen, Polen, Russen, Slowenen, Tschechen, Griechen, Holländer, Belgier, Italiener, Letten und Litauer. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen sind durch ein umfangreiches Konvolut von Verwaltungsunterlagen im Stadtarchiv dokumentiert, vor allem die Einwohnermeldekartei sowie Krankenversicherungsakten – insgesamt 17 Regalmeter Schriftgut. Ein Teil davon – insbesondere die Meldekarten der Stadt Schwäbisch Gmünd zu den während des Zweiten Weltkriegs dort lebenden Ausländern – ist digitalisiert bei Arolsen Archives einsehbar.
Krankenversicherungskarte eines polnischen Landarbeiters mit Eintrag zur medizinischen Behandlung wegen Rippenfellentzündung 1944/45 (Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. A17.02.01 Bü 45).
Diese einschlägigen Quellen wurden seit Sommer 2018 durch Prof. Dr. Ulrich Müller ausgewertet, der sich bereits durch zahlreiche Veröffentlichungen als Experte für die NS-Zeit und Nachkriegszeit in Schwäbisch Gmünd profiliert hat. Seine Ergebnisse sind nun in der Schriftenreihe „Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Gmünd“ erschienen und werden im Rahmen einer öffentlichen Buchvorstellung am Dienstag, 9. November 2021 im Refektorium des Kulturzentrums Prediger präsentiert (Anmeldung hier möglich). Ein kurzes Interview mit dem Autor (3 Minuten) wird außerdem am gleichen Tag zwischen 16 und 17 Uhr auf SWR4 gesendet.
Müller, Ulrich: Fremdarbeiter, Zwangsarbeiter und Displaced Persons in Schwäbisch Gmünd zwischen 1940 und 1950 (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Gmünd 17), Schwäbisch Gmünd: einhorn, 2021, ISBN 978-3-95747-113-0.
Der letzte Gmünder Stiftspropst der Reichsstadt Thomas Kratzer (1755-1824) ist als Lehrer, Schulorganisator und nicht zuletzt Priester mit großem Einsatz für die Armen der Stadt bekannt und in der lokalen Geschichtsschreibung so gewürdigt. Kaum bekannt ist sein „Rechenbüchlein“ für die Gmünder Schulen.[1] Es stellt einen interessanten weiteren Teilaspekt seines Wirkens dar.
Das Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd hat im letzten Jahr dieses „Rechenbüchlein“ auf der Plattform archive.org online gestellt. Es ist im Jahr 1786 bei Benedikt Weber in Gmünd erschienen. Der Autor ist nicht namentlich genannt, er ergibt sich aber schlüssig aus dem Ratsprotokoll vom 27. April 1786 mit dem Beschluss des Rats, Thomas Kratzer 2 Karolin[2] als „Remuneration“ für die Erstellung des Buches zu gewähren.[3] Auch im Band 10 des Lexikons der lebenden deutschen Schriftsteller im Jahr 1803 wird Kratzer als Verfasser des Buchs bezeichnet.[4] 1806 erschien eine 2. Auflage des Buchs, das nun Thomas Kratzer als Verfasser nennt und gegenüber den 139 Seiten der ersten Auflage 256 Seiten aufweist. Rudolf Weser lag dieses Buch noch vor; derzeit erscheint es verschollen zu sein. Jedoch ist auch die erste Auflage von 1786 ein recht interessantes Dokument der Pädagogik in der Zeit der Reichsstadt.
Thomas Kratzer hatte an der Universität der Jesuiten in Dillingen Theologie studiert. Von den Dillinger Theologiestudenten wurde erwartet, dass sie sich bei dem dort lehrenden Universitätsprofessor Schneller mit der österreichischen Schulpolitik befassten, welche inzwischen auch vom Augsburger Ordinariat übernommen worden war, denn bildungspolitische Reformmaßnahmen waren Kernanliegen und bedeutende Leistung der katholischen Aufklärung.
So lernte auch Thomas Kratzer das neue österreichische Normalschulwesen des Saganer Abts Johann Ignaz von Felbiger kennen. Im Jahr 1778 gab er dann als 23-jähriger Theologiestudent zusammen mit dem Gmünder Syndikus und späteren letzten Amtsbürgermeister Alois Beiswinger den Anstoß, das österreichische Normalschulwesen ab November 1778 auch in Schwäbisch Gmünd einzuführen. Er unterrichtete die Gmünder Lehrer in der neuen pädagogischen Richtung. Er war mitverantwortlich für die Einführung der sechsjährigen Schulpflicht für die mindestens 450 Knaben und Mädchen vom 6. – 12. Lebensjahr in der Stadt. Der Unterrichtsstoff erstreckte sich zunächst auf die Kenntnis des Alphabets, des Buchstabierens und Syllabierens, des Lesens und Rechtschreibens, sowie auf Rechnen, Grammatik und Anleitung zum Schreiben von Briefen und Aufsätzen. Daneben wurden die Schülerinnen und Schüler mit den Regeln der „Wohlanständigkeit“, dem Katechismus, der Religionsgeschichte und der Sittenlehre vertraut gemacht. Die Zahl der Unterrichtsstunden pro Woche betrug 22.
Direktor der Normalschule wurde ab 1779 Thomas Kratzer, der nach seiner Ordination im September 1779 nach Schwäbisch Gmünd zurückkehrte. Kratzer unterrichtete noch im Jahr 1790,[5] danach war er nur noch als Direktor der Schule tätig.[6]
Thomas Kratzer sagt im Vorwort zu seinem Buch, es bestehe der Wunsch nach einem Rechenbuch, das für die Gmünder Verhältnisse passe. Dies habe er in auswärtigen Städten nicht gefunden. Entweder seien die Bücher zu teuer oder zu unverständlich, so dass man in Gmünd acht Jahre nach einem „bequemen Rechenbüchel“ geseufzt habe. So habe er nun selbst zusammen geschrieben, was er derzeit zum Nutzen der „zarten Jugend“ in den Schulen gelehrt habe.
Kratzer beginnt mit den Grundrechenarten und dem Einmal Eins und kommt sodann zum Rechnen in ungleichen Zahlen. Vor allem beim Geld, dem Gewicht und den Maßen war dies für die Schulkinder ein schwieriges Kapitel, wenn man etwa beim Geld an die Umrechnung von Gulden, Talern, Laubtalern und Dukaten denkt. Gleiches gilt für die Maße wie Malter, Scheffel, Viertel und Imi, um nur einige zu nennen. Es folgt sodann ausführlich das Bruchrechnen und die „Regel detri“. Diese, „die goldne Regel“, abgekürzt von der „regula de tribus terminis“, heute unter dem Namen Dreisatzrechnen besser bekannt, wird von Kratzer ebenfalls eingehend behandelt. Es folgen Kapital- und Zinsrechnungen, sowie Gewinn-, Verlust- und Wechselrechnungen. Tausch- und Gesellschaftsregel werden dargelegt. Nicht zuletzt folgt die von Kratzer so genannte Alligations- oder Vermischungsregel, die vor allem im Gold- und Silbergeschäft und damit in Schwäbisch Gmünd von großer praktischer Bedeutung war.
Im Anhang behandelt Kratzer Schönschreiben, Rechtschreibung und das Fertigen der verschiedensten Briefe im Geschäftsleben. Seine orthographischen Regeln muten modern an. Seine Beispielsätze nutzt er für Regeln der „Wohlanständigkeit und der Sittenlehre.“ Die Geschäftsbriefe enthalten unter anderem Muster für Quittungen, Anweisungen, Konten und Frachtbriefe.
Insgesamt liegt ein Schulbuch vor, das Weser für die Auflage von 1806 als „Realienbuch“ bezeichnet, ein Schulbuch also, das Sachwissen vermittelt.[7] Dies trifft auch für die erste Auflage von 1786 zu. Sie ist zugeschnitten auf die Auffassungsgabe der Schulkinder im Alter von 6 bis 12 Jahren. Sie ist für Kinder gut fassbar, aber dennoch umfassend genug und auch für ihr Berufsleben als Erwachsene in der Reichsstadt geeignet. Die Gold- und Silberberufe, aber auch der Tuchhandel und die Landwirtschaft werden dabei sehr bedacht. Dabei ist zu bedenken, dass an der Gmünder Normalschule je zwei Jahrgänge, also etwa achtzig Kinder in einer Klasse unterrichtet wurden, was an die Lehrer große Anforderungen stellte.
Für ein Rechenbuch der Art, wie es Kratzer verfasste, ist ein frühes Beispiel das Rechenbuch von Adam Riese aus dem Jahr 1578, doch Kratzers Inhalte können darin natürlich nicht zu finden sein, denn sein Buch ist zugleich ein Nachschlagewerk. Die Qualität der Normalschule von 1778 wurde bald anerkannt. Sie war ein sehr beachtlicher Fortschritt gegenüber dem bisherigen Schulwesen. Stiftspropst Franz Xaver Debler wies 1782 in einem Brief an das Augsburger Ordinariat nachdrücklich auf die nunmehr eingetretene Verbesserung im Schulwesen hin[8] und Franz Gottlieb von Etzdorf sagt in seinem „Brief aus der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd“: „Indessen macht diese Anstalt[9] Gmündt immer Ehre.“[10]
Zum Weiterlesen: Hans-Helmut Dieterich, Thomas Kratzer. Ein Lehrer, Priester und Bürger seiner Stadt Schwäbisch Gmünd im ausgehenden 18. und im beginnenden 19. Jahrhundert, in: Gmünder Studien 8 (2010), S. 121-158.
[1] „Rechenbüchlein für die Schüler der deutschen Schulen in der des H.R.R. Stadt Schwäb. Gemünd zum Nutzen und Gebrauch des Bürgers und Landmanns. Nebst einem Anhang von der Schön- und Rechtschreibkunst, wie auch der Anleitung kleine schriftliche Aufsätze zu machen.”
[3] Zitiert bei Rudolf Weser, “Alte Gmünder”, in: Rems-Zeitung, 10. März 1917.
[4] Siehe Christoph Georg Hamberger, Das gelehrte Teutschland oder Lexikon der jetzt lebenden teutschen Schriftsteller, Bd. 10, Meyersche Buchhandlung, Lemgo 1803 (Google Books).
[5] Rechnungen der Normalschule von 1790-1794, Besoldungsliste, Münsterarchiv Schwäbisch Gmünd, Bestand 2.7.4.20ff.
[10] Franz Gottlieb Graf von Etzdorf, Siebenter Brief aus der Reichsstadt Schwäbisch Gmündt, in: Reißen durch einige Gegenden von Schwaben und Franken, Frankfurt/Leipzig 1794, S. 92-112, hier S. 102 (Wikisource).
Am 10. Oktober 1945 befolgte die Stadtverwaltung in Heidenheim an der Brenz ein Befehl des US-amerikanischen Generals Dwight D. Eisenhower: Innerhalb von zwei Tagen mussten die Bewohner der so genannten Voithsiedlung ihre Häuser räumen, um so Wohnraum für die Displaced Persons zu schaffen. Ein Lager gab es schon in Heidenheim, in der ehemaligen Polizeischule auf dem Schlossberg, in dem viele ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Insassen seit Mitte Mai 1945 lebten. Durch den Zuzug zahlreicher Juden musste eine zweite größere Unterbringungsmöglichkeit geschaffen werden. Die so genannte Voithsiedlung war seit 1919 als Wohnhaus-Siedlung für Mitarbeiter der Firma Voith errichtet worden und bestand aus 230 Wohneinheiten. Diese Siedlung war gut als geschlossenes Wohngebiet zwischen Steinstraße, Giengener Straße und Stadtwald Siechenberg nutzbar.
Als Displaced Persons (kurz: DPs) wurden Ende des Zweiten Weltkriegs alle ausländischen Zivilpersonen bezeichnet, die sich durch Kriegseinwirkung an Orten außerhalb ihrer Heimat aufhielten, wie Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und andere Arbeitskräfte, die während der Kriegsjahre nach Deutschland gekommen waren. Diese Menschen (zwischen 6,5 bis 7 Millionen Menschen verschiedener Altersgruppen) mussten von den Besatzungsmächten mit versorgt werden, mit Essen, aber auch mit einer Unterbringungsmöglichkeiten. Annähernd 3.000 Displaced Persons befanden sich in der Stadt Heidenheim (nach Köhn, Holger: Die Lage der Lager. Displaced Persons-Lager in der amerikanischen Besatzungszone, Essen 2012, S. 206). Im August 1949 wurde das Lager in Voithsiedlung geräumt, dabei wurden über 2.000 Personen auf die Lagern in Wasseralfingen, Freimann bei München, Lechfeld und Feldafing verteilt (ebenda, S. 223).
Die Voith-Siedlung mit dem Lager für Displaced Persons; Fotograf Friedrich Michel
Im Stadtarchiv Heidenheim gibt es nur wenige Archivalien zu diesem Themenkomplex. Das Heidenheimer Kreisarchiv, Staatsarchive und natürlich auch US-amerikanische Archive geben mehr Aufschluss über dieses Kapitel der Nachkriegszeit. Die Arolsen Archives mit Sitz in Bad Arolsen besitzt eine zentrale Namenkartei, die mit circa 50 Millionen Karteikarten Hinweise auf das Schicksal von 17,5 Millionen NS-Verfolgten enthält.
Im Bestand 3.1.1.2 „Listenmäßige Erfassung von DPs in DP-Lagern“ sind einzelne Listen zu den in Heidenheim lebenden Personen zugänglich, so zum Beispiel eine Liste der Lagereinwohner in der Voith Siedlung von August 1947 oder eine Liste der Lagereinwohner im Lager “Jewish Home” 26. Juni 1947.
Schicksale klären und Vermisste suchen: Das war über Jahrzehnte die zentrale Aufgabe der Arolsen Archives. Die Arolsen Archives sind ein internationales Zentrum über NS-Verfolgung mit dem weltweit umfassendsten Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Sammlung mit Hinweisen zu rund 17,5 Millionen Menschen gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie beinhaltet Dokumente zu den verschiedenen Opfergruppen des NS-Regimes und ist eine wichtige Wissensquelle für die heutige Gesellschaft. Dazu gehört auch ein umfangreiches Online-Archiv. Erreichbar ist das Angebot unter https://arolsen-archives.org