Archiv der Kategorie: Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd

Spital, Pfründhaus, Wohngebäude – 700 Jahre St. Katharina in Schwäbisch Gmünd

von Patrick Henn (Landesarchiv Baden-Württemberg)

Der Gebäudekomplex St. Katharina mit Kapelle und Wohngebäuden ist ein imposanter Bau. Täglich kommen dort zahlreiche Menschen vorbei, sei es auf dem Weg zum angrenzenden Parkplatz oder zum gegenüberliegenden Sportplatz. Nur wenige kennen vermutlich die wechselvolle Nutzungsgeschichte dieser historischen Anlage, deren Ersterwähnung sich nun zum 700. Mal jährt. Ein Grund zurückzuschauen und die Geschichte dieses Ortes näher zu beleuchten.

St. Katharina trägt diesen Namen nicht zufällig. Die im Mittelalter als Siechenspital genutzte Einrichtung ist benannt nach der heiligen Katharina von Alexandrien, eine der 14 heiligen Nothelferinnen und -helfern. Sie ist unter anderem Beschützerin von Kirchen und Krankenhäusern und wird bei Krankheit angerufen. Im Mittelalter wurden in St. Katharina außerhalb der Stadtmauer Schwäbisch Gmünds Leprakranke untergebracht. Zum ersten Mal erwähnt wird St. Katharina beiläufig in einer Urkunde aus dem Jahr 1326. Darin wird der Gebäudekomplex als habitati[o] leprosorum bzw. „Wohnstätte der Leprakranken“ bezeichnet.[1] Ins Leben gerufen wurde das Siechenspital wohl rund 100 Jahre zuvor in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts von einem heute unbekannten Stifter. Seit dem 14. Jahrhundert ist es im Besitz der Stadt.

Im 15. Jahrhundert verschwand die Lepra in Schwäbisch Gmünd allmählich[2] und das Gebäude bekam einen neuen Zweck. Von nun an wurde das ehemalige Spitalgebäude als Pfründhaus genutzt. Pfründhäuser waren caritative Einrichtungen, die gegen einen moderaten Geldbetrag Unterkunft und Pflege gewährten. Die als Pfründner bezeichneten Bewohner waren häufig unvermögend. Mitunter handelte es sich aber auch um gewöhnliche Bürger, die im Pfründhaus lebten, um dort im Alter versorgt zu werden. Allen dauerhaften Bewohnern war gemein, dass sie Bürgerinnen und Bürger der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd waren.

Der Gebäudekomplex im sogenannten „Gütter Büchl“ (1748). In dem Güterbuch wurde der zu St. Katharina gehörende Grundbesitz aufgeführt (Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. A01 B 225).

Die Zeichnung aus dem Jahr 1748 zeigt, wie St. Katharina in dieser Zeit etwa aussah. Die wesentlichen Gebäude stehen bis heute. Am linken Eck ist das zweiflügelige Spitalgebäude bzw. Pfründhaus zu sehen. In dieser Form existiert es seit dem 17. Jahrhundert. Daneben befindet sich die Kapelle, hier abgebildet noch vor ihrer barocken Umgestaltung, die ab 1749 vorgenommen wurde. Rechts neben der Kapelle steht das sogenannte Hofmeisterhaus. Das kleine Gebäude unten links wurde als Armenhaus bezeichnet. Die übrigen drei Gebäude existieren heute nicht mehr.[3] Wo sie früher standen, befindet sich seit 1980 der erwähnte Parkplatz.

1802 wurde die bis dato freie Reichsstadt Schwäbisch Gmünd württembergisch. Ab 1804 fanden in der Kapelle vorerst keine Gottesdienste mehr statt.[4] Das Pfründhaus existierte weiter. 1823 wurden im Dachgeschoss des Spitalgebäudes zwei Zimmer und neun Schlafkammern zu einer Art „Krankenhaus“ ausgebaut.[5] 1854 endete die bisherige Nutzung St. Katharinas. Die Pfründner und Kranken wurden in das Stadtspital verlegt.

Das Foto zeigt St. Katharina in den 1950er Jahren. Die Scheune, der Schuppen und die Gärten, an deren Stelle sich heute der Parkplatz befindet, sind hier noch zu sehen (Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. E02: Sammlung Seitz, Nr. 3424).

Anschließend wurde St. Katharina bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Armenhaus[6] genutzt, zwischenzeitlich auch als Unterkunft für Wanderarbeiter und im Ersten Weltkrieg als Truppenquartier. In der NS-Zeit wurde es als Obdachlosenheim geführt. Bis in die frühen 2000er Jahre diente es als Wohngebäude, bevor der Leerstand eintrat. 2010 wurde die Renovierung beschlossen. Die Renovierungsarbeiten am Spitalgebäude werden derzeit durchgeführt. Zukünftig sollen dort Wohneinheiten entstehen, die beispielsweise an Studierende vermietet werden könnten. Das imposante Fachwerkhaus mit langer Historie wird bald also wieder mit Leben gefüllt.

Literatur

Deibele, Albert mit Kissling, Hermann: Das Katharinenspital zu den Sondersiechen in Schwäbisch Gmünd. Seine Geschichte, Verzeichnis der Urkunden, Akten und Bände mit Beilagen 1326 bis zur Gegenwart. Schwäbisch Gmünd 1969 (Inventare der nichtstaatlichen Archive in Baden-Württemberg Nr. 14).

Heiss, Heinz-Dieter: Vom Leprosenspital zum Krankenhaus. Aus der Geschichte des Schwäbisch Gmünder Krankenhauses. Schwäbisch Gmünd 2000 (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Gmünd Nr. 8).

Staudenmaier, Kuno: Historisches Juwel in Schwäbisch Gmünd wird neues Wohnprojekt. Gmünder Tagespost vom 23.02.2026.

Strobel, Richard [u. a.]: Die Kunstdenkmäler der Stadt Schwäbisch Gmünd. Bd. 4: Kirchen und Profanbauten außerhalb der Altstadt, Ortsteile. München/Berlin 2003 (Die Kunstdenkmäler in Baden-Württemberg).


[1] Das Original der Urkunde befindet sich heute im Staatsarchiv Augsburg. Regest bei Deibele, Katharinenspital, S. 115. Maschinenschriftliche Abschrift sowie Übersetzung im Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. G 01 Bd. 16, Reg. 1 sowie G 02, 1326 Februar 5.

[2] Heiss, Vom Leprosenspital zum Krankenhaus, S. 14.

[3] Zur Baugeschichte von St. Katharina siehe Strobel, Kunstdenkmäler, S. 61ff.

[4] Vgl. Deibele, Katharinenspital, S. 99.

[5] Heiss, Vom Leprosenspital zum Krankenhaus, S. 40.

[6] Für die Armenhausordnung von 1903 siehe Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. A 07 Bü 435_5.

Vor 100 Jahren: Einweihung der Gmünder Synagoge in der Katharinenstraße

Die Einweihungsfeier am 16. Mai 1926. Vorne, von hinten: Landesrabbiner Dr. Paul Rieger, auf der Treppe von rechts Karl Rothschild, Abraham Kahn, Gustav Mayer, Margot Gutmann, Kantor Hermann Uhlmann, Alfred Meth, verdeckte Person, Siegfried Gutmann. Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, D56 Bü 95 (Nachlass Ernst Lämmle).

Am 16. Mai 1926 weihte die Gmünder jüdische Gemeinde ihre neue Synagoge in der Katharinenstraße ein. „Ein langgehegter Wunsch, der einem großen Bedürfnis entsprach, ging endlich in Erfüllung“, berichtete die Rems-Zeitung am Folgetag: Die Gmünder Juden hatten allen Grund zu glauben, nun als anerkannte Mitglieder der Stadtgesellschaft eine dauerhafte Heimat gefunden zu haben. Sie blickten auf mehr als ein Jahrhundert historischer Erfahrung zurück, in der ihre Vorfahren und sie sich Schritt für Schritt von „Schutzjuden“ mit geringer existentieller Sicherheit zu gleichberechtigen Staatsbürgern emanzipiert hatten. Dieser Gleichstellungsprozess hatte es überhaupt mit sich gebracht, dass sich 1888 in Gmünd eine jüdische Gemeinde gründen konnte – in einer Stadt, die über 300 Jahre keine Juden in ihren Mauern geduldet hatte. Doch gerade, als die historische Errungenschaft gleicher Rechte und gesellschaftlicher Anerkennung endlich gesichert schien, wurde sie innerhalb kürzester Zeit auf brutale Weise vernichtet. Nur wenige Jahre nach ihrer Weihe wurde die Synagoge unter den Nationalsozialisten geschändet, die Gemeinde zu Verkauf und Auflösung gezwungen, ihre Mitglieder in die Flucht getrieben oder ermordet, das Gebäude selbst noch zehn Jahre nach dem Fall des Naziregimes abgerissen.

Das 2015 eingeweihte “Zeichen der Erinnerung” am Josefsbach (links) zitiert die Eingangstreppe der 1955 abgerissenen Synagoge in der Katharinenstraße 4/1 (rechts).

Anlässlich des Jahrestages fand am 17. Mai 2026 eine Gedenkveranstaltung mit Beiträgen von OB Richard Arnold, der IRGW-Vorstandsvorsitzenden Professor Barbara Traub, Stadtarchivar Dr. Niklas Konzen und Inge Eberle im Refektorium des Predigers in Schwäbisch Gmünd statt. Auf Wunsch von Nachfahren jüdischer Gmünder in Übersee wurde die Veranstaltung aufgezeichnet und auf Youtube eingestellt.

Josef  Überall und die Kunst aus Alltäglichem – Ausstellungswochenende zum 90. Geburtstag

von Jannik Staudenmaier

Josef Überall (1936-2008) war ein Unikat der Gmünder Kunstszene. Als Vertreter der sogenannten “Arte‑Povera” verwandelte er alltägliche, unscheinbare Gegenstände in ausdrucksstarke Kunstobjekte. Sein künstlerisches Schaffen löste unterschiedliche Reaktionen aus: für manche galt der autarke, viele Jahre über auf einer Waldhalde bei Alfdorf lebende Überall als Störenfried und Sonderling, für andere jedoch als Lebenskünstler, der es verstand, mit seiner Kunst neue Perspektiven auf das menschliche Dasein zu eröffnen.

Die Projektgruppe „Josef Überall 90“ widmet ihm vom 8. bis 10. Mai 2026 im UNIKOM‑Kunstzentrum Schwäbisch Gmünd ein umfassendes Ausstellungswochenende zum 90. Geburtstag. Die Ausstellung, in der zahlreiche Originalarbeiten gezeigt werden, wird durch Audio‑, Film‑ und Bilddokumente ergänzt und von einem abwechslungsreichen Rahmenprogramm begleitet. Dazu gehören Impulse und Beiträge von Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern sowie von Sammlerinnen und Sammlern.

Teile des Nachlasses Überalls befinden sich seit den späten 1990er‑Jahren im Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd. Im Zuge der Jubiläumsfeier wurde der Bestand erstmals erschlossen und in einem Findbuch zugänglich gemacht. Er spiegelt die bunte Persönlichkeit des Künstlers wider: Neben umfangreichen Dokumenten zu Ausstellungen, Auftritten und Projekten enthalten die Unterlagen zahlreiche Skizzen, die – genauso eigenwillig wie Überall selbst – im Stadtarchiv ihresgleichen suchen.

Josef Überall bei der Vorbereitung der Ausstellung “Objekte aus Schiefer und Tuch” (1996). Quelle: Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. D54, Bü 7.

Das Gmünder Einhorn auf ARTE

Die neue ARTE-Dokumentation „Das Einhorn. Kulturgeschichte einer Sehnsucht“ von Mathias Frick thematisiert das Einhorn als zeitloses Objekt menschlicher Faszination sowie als Symbolträger für so gegensätzliche Konzepte wie „Heilung, Zerstörung, Unschuld, Queerness“. Anlass der Produktion war die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“, die vom 25. Oktober 2025 bis 1. Februar 2026 im Barberini-Museum in Potsdam gezeigt wurde; bis 12. Juli 2026 ist sie noch unter dem Titel “Licornes !” im Pariser Musée de Cluny zu sehen.

Der Film sucht jedoch auch jenseits musealer Vitrinen und Ausstellungsräume die Begegnung mit Einhörnern in Alltag und Gegenwart. Thematisch einbezogen wurde dabei auch das Einhorn als Symboltier von Schwäbisch Gmünd, das zwei Wochen vor Eröffnung der Potsdamer Ausstellung den 750. Jahrestag seines Erstbelegs feiern konnte (Niklas Konzen: „Das Einhorn von Schwäbisch Gmünd: 750 Jahres eines Stadtsymbols“, hier). Der Film wird am 19. April 2026 um 16.45 Uhr auf ARTE ausgestrahlt, kann aber schon ab 20. März über die ARTE-Mediathek gestreamt werden (hier [dt.] bzw. hier [frz.]). Schwäbisch Gmünd wird zwischen Filmminute 11:22 und 14:29 thematisiert.

Filmpremiere im Barberini-Museum am 25. Januar 2026.

Informationen zur Gmünder Kaufmannsfamilie Wildanger

Ein weiterer kürzlich veröffentlichter Blogpost von Klaus Graf widmet sich der Familie des aus Tirol stammenden Johannes Wildanger, der 1756 die Gmünderin Maria Barbara Köhler heiratete, sich in der Reichsstadt ansiedelte und von dort aus ein Handelsunternehmen aufbaute, das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts über eine Faktorei in Amsterdam mit eigenen Schiffen Seehandel nach Amerika betrieb, bis es im Zuge der napoleonischen Kriege zugrunde ging.

Betreffs Johannes Wildanger liegt im Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd eine Nachlassakte zur Auflösung seines Gmünder Haushalts nach seinem Tod im Juli 1784 vor (A08 Nr. 1169). Darin werden als Nachkommen sein Sohn Johann Joachim, von dem ein Brief aus Amsterdam der Akte beiliegt, sowie dessen Schwester Katharina verheiratete Bichler / Büchler erwähnt. Ein ebenfalls aus Amsterdam schreibender Josef Anton Wildanger bezeichnet Katharina als seine Base.

Quellensammlung zur Geschichte des Textilgewerbes in Schwäbisch Gmünd online

Klaus Graf hat auf “Archivalia” eine Sammlung ausgewählter Quellen zur Präsenz von Textilgewerbe in der Reichsstadt Gmünd vom ausgehenden 13. bis ins frühe 19. Jahrhundert veröffentlicht. Die Sammlung basiert auf einer breiten Grundlage von Urkundenregesten und -editionen, Forschungsliteratur sowie Findmitteln und Digitalisaten von Landesarchiv Baden-Württemberg und Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd. Erfasst wurden vor allem Berufs- und Tätigkeitsbezeichnungen wie Kürschner, Schneider, Bleicher, Färber, Gürtler, Nestler, Seiler, (Barchent-, Woll-, Leine-, …) Weber, Tuch- und Gewandhändler, Näherinnen, Stickerinnen, Strickerinnen, Hutmacher, Gerber, Schuster, Sattler und viele weitere, stärker spezialisierte Handwerke (z. B. Bortenmacher), außerdem gewerbliche Infrastruktur wie z. B. Walkmühlen oder auch die Präsenz Gmünder Händler auf externen Märkten und Messen.

“Hartman der parchandweber” [Barchentweber] erscheint 1419 im Verzeichnis der jährlichen Zinse und Gülten der Kaplanei des St. Leonhardsaltars in der Gmünder St. Leonhardskapelle. Auszug aus Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, A02 U18.

Graf erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern weist darüber hinaus auf das Potenzial weiterer, noch unerschlossener Quellen wie der reichsstädtischen Ratsprotokolle hin. Auch so ist die Sammlung dank der verlässlich profunden Quellenkenntnis ihres Verfassers ein aussagekräftiger und weiterführender Grundlagenbeitrag zur Gmünder Wirtschaftsgeschichte: Sie vermittelt einen lebhaften Eindruck von der langen Tradition und Bedeutung textilbezogener Wirtschaftstätigkeit in der Reichsstadt Gmünd, die sonst in der Literatur meist in erster Linie als Stadt des Metallhandwerks (zunächst Sensen-, später Gold- und Silberschmiede) beschrieben wurde.

Gmünder Schulgeschichte im 19. Jahrhundert: Neue Veröffentlichung von Gerd Noetzel

Gerd Noetzel, früherer Geschichtsprofessor an der Gmünder Pädagogischen Hochschule, hat in deren Jubiläumsjahr (1825-2025) ein neues Werk zur lokalen Schulgeschichte im 19. Jahrhundert vorgelegt. Im Fokus steht die Volks- und Berufsschulbildung, die der Autor mit vielen benachbarten Themenkomplexen verknüpft: Die bildungspolitische Integration der ehemaligen Reichsstadt in das Königreich Württemberg, die Entwicklung der Anforderungen an Lehrerausbildung und Schullehrpläne, der Beginn von Ausbildung und Einsatz weiblicher Lehrkräfte, schließlich auch die Entstehung lokaler Bildungsinstitutionen, von denen manche noch heute existieren (wie die Klösterleschule).

Karikatur zur Prügelstrafe im “Remsthal-Boten”, 7. Juli 1855.

Ausgehend von den bildungspolitischen Rahmenbedingungen, die das Volks- und Berufsschulwesen im 19. Jahrhundert geprägt haben, richtet Noetzel seinen Blick ganz konkret auf die Ausbildung der Lehrkäfte, Schulen, Schulalltag und exemplarische Lehrerbiographien. Dabei werden immer wieder Themen aufgeworfen, die Bildungs- und Kommunalpolitiker, Lehrer und Eltern bis heute beschäftigen, von Ausbildungsinhalten über die schulischen Lehrpläne bis hin zum Schulschwänzen, dem Zeitpunkt des Unterrichtsbeginns oder auch dem Zustand der Schulgebäude.

Leserzuschrift zum Kinderfest der Gmünder Volksschüler; Gemeinnützige Wochenblatt für alle Stände, 5. Juli 1832.

Der Verfasser hat bereits für seine früheren Veröffentlichungen zur Stadtgeschichte des 19. Jahrhunderts die lokalen Zeitungen intensiv ausgewertet. Daraus kann er zahlreiche anschauliche Quellenfunde zum zeitgenössischen Schulalltag schöpfen, die ihren Niederschlag in sonst schwer zu erschließenden Artikeln oder Leserzuschriften gefunden haben. Für diese Arbeit ist Noetzels genaue Kenntnis der Lokalpresse umso wertvoller, als erhebliche Teile der relevanten Ministerialüberlieferung im Krieg zerstört wurden.

Die 321 Seiten starke Arbeit ist über den Publikationsserver der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd online verfügbar:

Gerd Noetzel: Einblicke in das Volksschulwesen und die Fortbildungsschule für entlassene Volksschüler in der württembergischen Oberamtsstadt Gmünd im 19. Jahrhundert (Digitale Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Gmünd 5), Schwäbisch Gmünd 2025

Findmittel des Gräflich Beroldingischen Archivs zu Horn online

Das Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd hat kürzlich die im Jahr 1955 von Stadtarchivar Albert Deibele verfassten Findmittel des Familien- und Adelsarchivs der Grafen von Beroldingen zu Horn OCR-durchsuchbar gescannt und auf seiner Bestände- und Findmittelübersicht auf Ostalbum (Best. B01) zum Download zur Verfügung gestellt.

Das Archiv der schweizerisch-deutschen Adelsfamilie wurde im Jahr 1953 auf maßgebliche Initiative von Albert Deibele aus dem Schloss Horn bei Göggingen in das Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd verbracht. Neben Einblicken in die Familiengeschichte sowie in die politischen und kirchlichen Karrieren einzelner Familienmitglieder vermittelt das Archiv ein umfassendes Bild der Besitzgeschichte und der Wirtschaftsführung zugehöriger Rittergüter, allen voran von Schloss Horn und Schloss Gündelhart in der Schweiz. Zugleich geben die Archivalien Aufschluss über die engen Beziehungen der Familie zur Reichsritterschaft und zu anderen Adelsfamilien.

Abschrift der Heiratsabrede zwischen Hans Jacob von Schwarzach und Ursula von Landenberg aus der Chronik der mit der Familie von Beroldingen verschwägerten Familie von Schwarzach. StA GD Best. B01.01 Bd. 2 (Online: Link).

Ein Einhorn wird 750: Schwäbisch Gmünd feiert das Jubiläum seines Wappentiers

von Niklas Konzen

Doppeladler und Einhorn am reichsstädtischen Waisenhaus (1768). Bild: Niklas Konzen

Das Einhorn in Siegel und Wappen von Schwäbisch Gmünd ist wohl das älteste „kommunale“ Einhorn im deutschsprachigen Raum. Vor 750 Jahren wurde das Gmünder Stadtsiegel zum ersten Mal an eine Urkunde gehängt. Seitdem hat das Einhorn die Stadt über sämtliche Umbrüche eines Dreivierteljahrtausends hinweg repräsentiert. Die Gmünder Einhorntradition steht heute einem globalen Einhornhype gegenüber, der auf den ersten Blick wenig mit mittelalterlicher Heraldik (oder Sphragistik) zu tun hat. Einhörner liegen weit über Gmünd hinaus im Trend, als Kinderbuch- und Spielzeugfigur in Pastell- und Regenbogenfarben, als spielerisches Designelement für Konsumgüter aller Art, oder auch als queeres Symbol. Die Rolle des Einhorns als kommerzielles „Zauberpferd für kleine Mädchen“ hat jedoch mehr mit den symbolischen Wurzeln des Gmünder Stadtwappens gemein, als man zuerst vermuten würde.

Großes Siegel der Reichsstadt Gmünd, ältester erhaltener Siegelabdruck an einer Urkunde des städtischen Spitals vom 3. Februar 1277 (StadtA Schwäbisch Gmünd, A01 U 1).

Der älteste erhaltene Abdruck des Gmünder Stadtsiegels mit dem Einhorn datiert vom 3. Februar 1277. Mit dem Stadtsiegel wurde jedoch bereits am 11. Oktober 1275 eine Urkunde beglaubigt, also vor nun 750 Jahren (HStA Stuttgart A 499 U 857). Das Siegel selbst ist hier zwar verloren, wird aber im Urkundentext angekündigt. Der Erstbeleg dieses Siegels ist ein Meilenstein in der Entwicklung der Stauferstadt Gmünd zur autonomen Reichsstadt: Erstmals tritt der Gmünder Rat, unabhängig vom stadtherrlichen Schultheißen, als Siegelführer und damit als handlungsfähiges, eigenständiges Gremium in Erscheinung. Das Einhorn wurde zum Symbol reichsstädtischer Autonomie und ging vom Siegel bald auch in das Gmünder Wappen über.

Die allegorische Einhornjagd mit dem Verkündigungsengel Gabriel in der Rolle des Jägers, dem Christuskind auf dem Rücken des Einhorns und Maria als Jungfrau, hier dargestellt um 1500 in der Memminger Marienpfarrkirche. Bild: Thomas Mirtsch (CC BY-SA 3.0); URL: https://de.wikipedia.org/wiki/ Unser_Frauen_(Memmingen)#/media/Datei:Marienzyklus.jpg (10.07.2025).

Warum aber nun gerade ein Einhorn? Den Zeitgenossen des 13. Jahrhunderts war das Einhorn vor allem aus dem Physiologus bekannt. Dort wird es beschrieben als wildes, unzähmbares Tier ähnlich einer kleinen Ziege, das von keinem Jäger gefangen werden kann – es sei denn, es trifft in der Wildnis eine Jungfrau: Dann läuft es zutraulich zu ihr hin, legt seinen Kopf in ihren Schoß und schläft ein, und so kann es gefangen werden. Diese Geschichte ist in der Quelle eigentlich eine Allegorie, in der die Jungfrau für Maria, das Einhorn für Christus und der Einhornfang für die Menschwerdung Christi steht. Sie war so weit verbreitet, dass das Einhorn seit dem Frühmittelalter mit zunehmender Häufigkeit als Mariensymbol fungierte.

Inszenierung des Gmünder Stadtwappens als allegorische Einhornjagd, hier skizziert von Dominikus Debler (1756-1836), nach 1802. Aus dieser um 1520 geschaffenen Figurengruppe sind Jungfrau und Jäger erhalten und befinden sich heute im Landesmuseum Württemberg. Das Einhorn ist leider verschollen. Die im gleichen Kontext im Chor des Münsters aufgestellten Wappen des Reichs (doppelter und einfacher Reichsadler) und der staufischen Herzöge von Schwaben (Drei-Löwen-Schild), die Debler ebenfalls zeichnerisch festgehalten hat, konnten inzwischen im städtischen Museum (Adler) bzw. in der Münstersakristei (Stauferschild) aufgefunden werden. StadtA GD C1 Nr. 12 (Chronik von Dominikus Debler), Bd. 6, S. 28.

Maria wiederum war Pfarrpatronin von Schwäbisch Gmünd und so allegorischer Bezugspunkt des Einhorns in der Stadt. Das Gmünder Einhornsiegel lässt sich dem Typ des Heiligensiegels zuordnen, das sich in der Regel auf einen lokalen heiligen Patron bezog. Vom 14. bis 16. Jahrhundert ließ die Reichsstadt eine neue gotische Pfarrkirche bauen, deren Bauplastik am Langhaus deutlich von Maria dominiert wurde. Die Bürgerschaft hat sich mit ihrer Kirche stark identifiziert und viel Aufwand in ihre Austattung gesteckt. Auf dem Chorgestühl befand sich spätestens ab 1550, neben den Wappen des Reichs und der staufischen Herzöge von Schwaben, eine Figurengruppe, die das Stadtwappen als allegorische Einhornjagd inszenierte und so in einen Marienkontext stellte. Die Verbindung zwischen Stadtsymbol und Pfarrpatronin wurde im Allerheiligsten der Stadtgesellschaft öffentlich zur Schau gestellt, und das über 250 Jahre lang.

Einhörner ziehen den Triumphwagen der Himmelskönigin Maria im Titelblatt des “Triumph des Heyligen Rosenkrantz“, verfasst 1668 durch den Gmünder Dominikaner Sebastian Schlettstetter. Im Hintergrund die Reichsstadt Gmünd.

Die heraldische Trias von Einhorn, Reichsadler und Stauferlöwen brachte das Selbstverständnis der Reichsstadt als „historische“ Hauptstadt der staufischen Herzöge von Schwaben zum Ausdruck. Da die Jungfrau Maria im Verlauf der Frühen Neuzeit zur Symbolfigur der Gegenreformation wurde, erfuhr auch das Einhorn im katholischen Gmünd eine konfessionelle Umdeutung. Zugleich wurden Vorstellungen des Einhorns als reales Lebewesen durch den Buchdruck und das Aufkommen empirischer Naturforschung stärker verbreitet, auch in Gmünd. Die alte Allegorie des Einhornfangs (und damit der ursprüngliche Bezug des Einhorns zu Maria als Pfarrpatronin) rückte in den Hintergrund.

An dieser Wappendarstellung am Schwörhaus (ca. 1590) wurden 1802 der Doppeladler und das Einhorn ausgemeißelt. Bild: Niklas Konzen

Als die Reichsstadt Gmünd 1802 unter württembergische Herrschaft fiel, wurden die Wappen des Alten Reichs und der Reichsstadt, Doppeladler und Einhorn, vielerorts getilgt und durch württembergische Geweihstangen ersetzt. Das Gmünder Einhorn verlor seinen Status als staatliches Hoheitszeichen und damit erheblich an Relevanz und Sichtbarkeit. Dieser Zustand war jedoch nur vorübergehend: Mit der Wiederentdeckung vormoderner Kunststile und Symbole im Historismus des Kaiserreichs erlebte das Wappentier am Ende des 19. Jahrhunderts eine Renaissance. Es wurde (und wird) überall dargestellt, wo an die vormoderne Stadtgeschichte erinnert werden sollte.

Renaissance durch Historisierung: Einhörner in der Bauplastik des alten Stadtbads (erbaut 1901/02, abgerissen 1973/74) und in einer Postkarte (ca. 1904). Bild: Niklas Konzen / StadtA GD E05 Nr. 1.

Von diesem Ausgangspunkt ist das Gmünder Einhorn bis heute in alle Bereiche der lokalen Alltagskultur vorgedrungen, als Zeichen für Herkunft und Zugehörigkeit. Hier trifft es schließlich auf den globalen Einhornhype der Gegenwart: Die Legende vom Einhornfang durch eine Jungfrau ist heute, reduziert um seine Marienallegorie, zu einem Grundmotiv des Gendermarketings kommerzieller Einhornprodukte geworden. Aufgrund seiner in diesem Kontext entstandenen Assoziation mit Regenbögen (evtl. ausgehend von “Das Letzte Einhorn“, 1982?), aber vielleicht auch aufgrund zugeschriebener Eigenschaften wie Seltenheit, Anderssein und Unabhängigkeit fungiert das Einhorn inzwischen außerdem als Symbol der LSBTIQ*-Bewegung und (z. B. bei Demonstrationen gegen Rechtsextremismus) allgemein als positives Symbol für Diversität.

Im Logo der Gmünder Geschichtswerkstatt “Einhorn sucht Regenbogen“. Design: Brigitte Häussermann

Mehr zu diesen Themen im Jubiläumsband:

Niklas Konzen, Das Einhorn von Schwäbisch Gmünd: 750 Jahre eines Stadtsymbols (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schwäbisch Gmünd 19), Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag, 2025; 148 Seiten, 108 Abb., 18 EUR.

Die Buchvorstellung findet am 11. Oktober 2025 um 17.00 Uhr im Festsaal des Franziskaners in Schwäbisch Gmünd statt. Danach ist das Buch im lokalen Buchhandel erhältlich sowie beim Einhorn-Verlag und beim Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd bestellbar.

Nachtrag 19. März 2026: Die ARTE-Dokumentation “Das Einhorn. Kulturgeschichte einer Sehnsucht” hat das Thema inzwischen aufgegriffen.

Nachtrag 12. August 2026: Rezensionen auf Archivalia sowie in der Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte.

Schwäbisch Gmünder Ausstellung: Stanzel ist -STA-

Die Bilderwelt des Eduard Stanzel

In einer Zeit, in der digitale Bilder oft nur Sekunden überdauern, bevor sie in der Flut der visuellen Eindrücke verschwinden, lädt das Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd Sie herzlich ein, das fotografische Vermächtnis eines Mannes zu entdecken, der mit seiner Kamera bleibende Eindrücke geschaffen hat.

Eduard Stanzel (1944–2024) war weit mehr als ein langjähriger Pressefotograf der Rems-Zeitung. Er war ein stiller, unermüdlicher Chronist, der mit seinem geschärften Blick für das Wesentliche die großen und kleinen Momente des städtischen Lebens in einzigartiger Weise einfing. Seine Linse erfasste nicht nur das Spektakuläre, sondern verlieh auch dem scheinbar Alltäglichen eine besondere Ausdruckskraft. Das Kürzel »STA« unter seinen Bildern entwickelte sich so über die Jahre hinweg zu mehr als einem bloßen Bildnachweis – es wurde zum Qualitätssiegel für sorgfältig komponierte, authentische Momentaufnahmen.

Kurz vor seinem Tod übertrug Eduard Stanzel sein Lebenswerk dem Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd – ein Geschenk von unschätzbarem kulturhistorischem Wert. Jede seiner Aufnahmen ist ein visueller Baustein der Stadtgeschichte, der Gesichter, Orte und Ereignisse vor dem Vergessen bewahrt.

Das Stadtarchiv präsentiert mit der von Arnd Kolb kuratierten Ausstellung „Stanzel ist – STA -” im Prediger eine sorgfältige Auswahl aus diesem fotografischen Nachlass und gewährt einen einzigartigen Einblick in drei Jahrzehnte Gmünder Geschichte von 1965 bis 1995 – eine Zeit tiefgreifenden gesellschaftlichen und städtischen Wandels. Sie ist zugleich – ein Jahr nach seinem Tod – eine posthume Würdigung eines Mannes, dessen Schaffenskraft mit geschätzten 120.000 Negativen seinesgleichen sucht.

Ausstellungseröffnung:
„Stanzel ist – STA – Die Bilderwelt des Eduard Stanzel”
Eröffnung: 18. September, 18 Uhr
Ausstellungszeitraum: 18. September 2025 – 28. Februar 2026
Ort: Innenhof Prediger, Schwäbisch Gmünd
Eintritt: frei