Das oben genannte Projekt erforschte von Januar 2023 bis Dezember 2024 Standorte von ehemaligen Zwangsarbeiterlagern auf Fußball- und Sportätzen in Deutschland und Österreich. Die Ergebnisse werden auf der Website https://www.jubel-unrecht.de/de veröffentlicht. Eine interaktive Karte liefert diverse Hintergrundinformationen zu den jeweiligen ehemaligen Lagern auf den Sportstätten. Bisher konnten mindestens 170 Sportplätze als Standorte für Zwangsarbeitslager identifiziert und recherchiert werden. Die geografische Spanne reicht dabei von Wien bis Kiel, die Vielfalt der Einrichtungen von Dorf- bis Großstadtverein. Projektträger sind die Osnabrücker Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht, die an das gewalttätige Vorgehen der Geheimen Staatspolizei gegen Zwangsarbeitende erinnern.
Im Ostalbkreis gibt es bisher zwei als ehemalige Lager identifizierte Sportstätten: Den Sportplatz am Erzstollen in Wasseralfingen sowie den Sportplatz im Schwerzer, Spielstätte des Schwäbisch Gmünder Fußballvereins 1. FC Normannia Gmünd.
Nachdem ab September 1940 französische Kriegsgefangene in der damaligen Jahnturnhalle untergebracht wurden, beschloss der Gmünder Gemeinderat am 4. Februar 1943 , weitere Baracken für Zwangsarbeiter zu bauen.[1] Bis März 1944 wurden Räume für 144 Menschen in der „Lagergemeinschaft Schwerzer“ errichtet. Für die inzwischen notwendig gewordene Vergrößerung des Lagers wurde in der Gemeinderatssitzung vom 13. März 1944 der im Westen der Stadt gelegene Sportplatz vorgeschlagen.[2]
Der Verein Eisenfreunde 1365 Ostwürttemberg e.V. veranstaltet am 6. und 7. Februar 2025 in Aalen-Wasseralfingen eine Tagung zu den Themen Bergbau, Hüttenwesen und dessen Produkte, ausgehend von einem der ältesten Industriestandorte Europas. Die Tagung findet in Kooperation mit dem Landesdenkmalamt Baden-Württemberg statt. Sie konzentriert sich auf eine der wichtigsten, bislang aber wenig beachteten Industrieregionen Baden-Württembergs.
Zusätzlich finden Exkursionen zur Museumslandschaft Königsbronn und zum Ofenplatten- und Modellmagazin der Schwäbischen Hüttenwerke statt.
Die Anmeldung ist bis zum 15.01.2025 möglich (hier). Das ausführliche Tagungsprogramm und weitere Informationen sind über den Veranstaltungsflyer (pdf) und über die Webseite der Eisenfreunde verfügbar.
Blick in die Modellsammlung der SHW (Foto: LAD im RPS, I. Geiger-Messner)
In der seit 1976 bestehenden Publikationsreihe der „Gmünder Studien. Beiträge zur Stadtgeschichte“ ist nun der zehnte Band erschienen. Darin widmen sich zwölf Beiträge auf 376 Seiten der Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd und ihrer näheren Umgebung vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.
Aus dem Inhalt:
Niklas Konzen: Jungfrau und Einhorn. Zum Ursprung des Wappentiers von Gmünd und Giengen (S. 10-73)
Klaus Graf: Beschäftigung mit Schwäbisch Gmünder Stadtgeschichte: Von der Stadtbuchchronistik um 1500 zum Internet (S. 74-95)
Florian H. Setzen: Die ältesten Ansichten von Schwäbisch Gmünd, Essingen und vielen weiteren Orten im heutigen Ostwürttemberg zwischen Kapfenburg, Aalen, Wöllstein, Lorch, Göppingen, Weißenstein, Lauterburg und Unterkochen auf einer weithin unbekannten Augenscheinkarte des Gebiets der Gmünder Freien Pirsch und Mundat aus dem 16. Jahrhundert (S. 96-153)
Raimund J. Weber: Gmünd gegen Rechberg. Ein Rechtsstreit um die Freie Pirsch vor dem Reichskammergericht im 16. Jahrhundert (S. 154-207)
Hans-Helmut Dieterich: Das Rätsel der Felsenkapellen auf dem Nepperberg in Schwäbisch Gmünd – Versuch einer Lösung (S. 208-219)
Gerhard Fritz: Die Alfdorfer Musterungsliste von 1619 (S. 220-233)
Karlheinz Hegele: Johann Christoph Haas – ein in Gmünd vergessener Maler (S. 234-265)
Dieter Rösch: Die Geschichte des Gutes Pfeilhalde im Spiegel des Familiennachlasses Walter (S. 266-279)
Manfred Wespel: »Gekreuzigt Volk« – Die völkische Umkehrung christlicher Glaubensinhalte bei Maria Kahle (S. 280-289)
Mathilda Hafner: Zwangssterilisationen im Krankenhaus der Stadt Schwäbisch Gmünd zwischen 1934 und 1945 (S. 290-337)
Angelika Huber-Sommer: Zerstörung eines Menschenlebens durch Zwangssterilisation: Zum Gedenken an Karl Georg Pfeifer aus Bartholomä (S. 338-341)
Rudolf Übelhör: Die drei »russischen Gräber« in Weiler in den Bergen (S. 342-376)
Die öffentliche Buchvorstellung mit anschließendem Umtrunk findet am Freitag, 6. Dezember 2024 um 19 Uhr im Leutze-Saal des Congress Centrums Stadtgarten in Schwäbisch Gmünd statt. Um Voranmeldung bis 4. Dezember unter stadtarchiv@schwaebisch-gmuend.de wird gebeten.
Der neue Auftritt des Museums im Prediger bei bawue.museum-digital.de.
Das Museum im Prediger, 1876 aus den privaten Sammlungen der Gmünder Fabrikanten Hermann Bauer und Julius Erhard hervorgegangen, hat begonnen, seine Objekte online in digitaler Form recherchierbar zu machen. Die ersten 1.400 mit Digitalisaten versehenen Datensätze dokumentieren vorrangig magazinierte Objekte, die nicht in der Schausammlung zu sehen sind, und die vorwiegend zum Anfangsbestand des Hauses gehören (Erhard’sche Altertümersammlung bzw. Erhard’sche Bilderchronik). Die Nutzung der Bilder ist für nichtkommerzielle Zwecke kostenfrei, ansonsten fällt eine Nutzungsgebühr an (Lizenzierung nach CC BY-NC-SA). Link zur Datenbank und Zugang zu näheren Informationen hier.
von Jannik Staudenmaier und Jennifer Adami, Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd
Spannender Fund: in einem Erker des Stadtarchivs Schwäbisch Gmünd wurden kürzlich bisher unbekannte Plakate der zwischen 1945 und 1946 in Schwäbisch Gmünd und Umgebung stationierten US-Truppen entdeckt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs boten sich den US-Soldaten im besetzten Deutschland höchst unterschiedliche Möglichkeiten: während es für die einen zurück in die Heimat ging, verblieben andere als Teil der Besatzungstruppe. Damit Entmilitarisierung, Entnazifizierung und materieller wie demokratischer Wiederaufbau gelingen konnten, benötigte man jedoch nicht nur kampferprobte Soldaten. Innerhalb der amerikanischen Militärregierung(en) machten viele vormalige Soldaten nun eine Verwaltungskarriere. In diesen inhaltlichen Kontext fallen auch die im Stadtarchiv aufgefundenen Armee-Plakate. Dabei handelt es sich offenbar um interne Aushänge aus amerikanischen Einrichtungen in Schwäbisch Gmünd und Umgebung, die orientierende Informationen vermittelten. Mit Slogans wie „What job are you best fitted for?“ und „What shall I do? Prepare now for the job ahead!“ sollten Armeeangehörige dazu inspiriert werden, eine neue Karriere innerhalb der US-Armee zu beginnen. Auf der anderen Seite sollten die Soldaten jedoch auch für neue Herausforderungen und Aufgaben in der Nachkriegszeit sensibilisiert werden: darüber geben Plakate mit Titeln wie „Code for the conquered“ und „The atomic question“ Auskunft.
Einzigartig: Plakat über die Nachkriegspläne ehemaliger US-Soldaten (StA GD Best. C07.02 Nr. 302).
Art und Datum des Erwerbs der Plakate durch das Gmünder Stadtarchiv wurden nie dokumentiert und sind daher unbekannt. Klar ist jedoch, dass sie sich in ihrer Funktion, Botschaft und Herkunft von den bereits im Stadtarchiv vorhandenen Plakaten der lokalen US-Militärregierung unterscheiden, bei denen es sich zumeist um Plakate zur Information und Belehrung der Gmünder Bevölkerung handelt. Unikatcharakter hat ein Plakat mit dem Titel „Post War Plan of the Soldier“, das in Eigenregie hergestellt wurde und in Form von aufgeklebten Figuren die unterschiedlichen Nachkriegs-Pläne ehemaliger US-Soldaten in Prozentsätzen darstellt. Anschauliche Zeitdokumente sind auch zwei Plakate, die um Aufmerksamkeit für die in der heutigen Schulturnhalle des Heidenheimer Schiller-Gymnasiums (Bühlstraße 24) stattfindende Basketball-Saison des 14. Infanterie-Bataillons (14th Armed Infantry Battalion) warben. Dieses Bataillon gehörte zur 1. Amerikanischen Panzerdivision (1st Armored Division), deren Hauptquartier in Gmünd lag, wie sich auch über die damals in Schwäbisch Gmünd erscheinenden Militärzeitungen nachvollziehen lässt.[1] Auffällig ist auch die Herstellungsart der Armeeplakate: die einen wurden auf den Rückseiten alter Armeekarten aus der Kriegszeit gedruckt, die anderen fungierten als Wendeplakate mit unterschiedlichen Botschaften und waren damit vielseitig einsetzbar.
Der Zustand der Plakate insgesamt machte eine konservatorische Behandlung notwendig. Hierzu wurden die gerollten, zerknitterten und mitunter recht schmutzigen Plakate zunächst mit speziellen Latexschwämmen trockengereinigt. Im nächsten Schritt wurde jedes Plakat in eine sogenannte Klimakammer gelegt, in der künstlich eine relative Luftfeuchtigkeit von über 90 % hergestellt wurde. In diesem Zustand konnte sich das Papier über einen Zeitraum von etwa 5 Stunden hinweg “entspannen”. Anschließend wurden die Plakate unter Gewicht über mehre Wochen plangelegt und getrocknet.
Vorher versus Nachher: Plakat über die Basketball-Spiele des 14. US-Infanterie-Bataillons (StA GD C07.02 Nr. 292).
Die Plakate sind über das nun erstmals veröffentlichte Findbuch zum Bestand der politischen Plakate und Flugblätter recherchierbar (Bestand C07.02, Nr. 286-293 und Nr. 300-302). Der Bestand, dessen zeitlicher Schwerpunkt im Moment noch auf der unmittelbaren Nachkriegszeit liegt, soll in den nächsten Jahren sukzessive erweitert werden, um das politische Leben in Schwäbisch Gmünd so breit und umfänglich wie möglich abbilden.
Als Band 32 der Veröffentlichungen des Stadtarchivs Heidenheim an der Brenz ist im Mai 2024 die Quellenedition „Heidenheimer Steuerbuch ca. 1625 – ca. 1635“ erschienen. Der frühere Stadtarchiv Helmut Weimert hat den rund 900 Seiten umfassenden historischen Band akribisch in Druckschrift übertragen und somit das zweitälteste Steuerbuch für eine breite Leserschaft zugänglich gemacht.
Der Zeitrahmen des Steuerbuchs umfasst zehn spannende Jahre, die inmitten des Dreißigjährigen Kriegs liegen, als vor allem der Religion wegen gekämpft wurde; ein Krieg, der in Mitteleuropa große politische und soziale Umwälzungen brachte.
Der Band enthält die Namen der verschiedenen Grundbesitzer; deren einzelnen Liegenschaften wie Gebäude, Gärten, Wiesen, Äcker und so weiter sind detailliert aufgelistet. Der Wechsel von einem zum anderen Besitzer und Neubewertungen wird nachvollziehbar. Der Geldbetrag am Ende jeder Liegenschaft ergibt den steuerbaren Wert. Die Vermögensunterschiede lassen Erkenntnisse über die damalige Sozialstruktur zu.
Im Vergleich zum ersten Steuerbuch aus der Zeit bis 1625 bzw. 1627 hat sich die soziale Struktur in Heidenheim nicht wesentlich verändert, das zeigt die Liste Heidenheimer Bürgerinnen und Bürger und ihr Besitz. Das Steuerbuch dokumentiert 216 Heidenheimer Haushalte; davon gehörten den drei größten alleine ca. 14 % des Liegenschaftsvermögens. Die zahlreichen Verweise auf die weiteren Werke zur Frühen Neuzeit von Helmut Weimert ermöglichen es, weiteres über die genannten Bürgerinnen und Bürger zu erfahren
Im Anhang finden sich eine Auflistung der Vermögen je Person, eine Aufstellung über die damals gängigen Maße, Gewichte und Münzen, ein Literaturverzeichnis sowie ausführliche Geographie-, Personen- und Sachregister.
Der Band 32 der Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv Heidenheim a. d. Brenz umfasst mit allem 314 Seiten und ist erhältlich in den Heidenheimer Buchhandlungen Konold und Thalia sowie im Geschäftsbereich 45 der Stadtverwaltung Heidenheim in der Marienstraße 4 (07321-327-4710 und -4752 oder museen@heidenheim.de).
von Jannik Staudenmaier, Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd
Der Gmünder Wochenmarkt hat vieles zu bieten: neben den diversen Köstlichkeiten in heutiger Zeit etwa auch eine lange Geschichte, die weit ins Mittelalter zurückreicht. Die vom i-Punkt am Marktplatz jetzt neu angebotene „Kulinarische Tour über den Wochenmarkt“ führt über den Wochenmarkt, macht ihn kulinarisch erlebbar und erzählt spannende Geschichten aus früherer Zeit. Die Touristik und Marketing GmbH und das Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd haben dazu gemeinsam diverse Archivalien und die zur Verfügung stehende Literatur ausgewertet und den Stadtführerinnen und Stadtführern ein umfangreiches Manuskript bereitgestellt. Dabei kamen spannende wie kuriose Geschichten zum Vorschein: etwa zu öfters im Nachgang von Markttagen stattfindenden abendlichen Tanzveranstaltungen, die in einem Ordnungsgesetz aus dem Jahr 1524 streng sanktioniert wurden: „Es soll auch keiner hin füro am offenen Tantze unzüchtig in Hosen und Wamß ohn ein Rogg vor Jungfraun und Frauen tantzen und [?] lauffen oder aus den Raihen ausbröchen, wie es bishero unschicklich geschehen ist, beiPön5 Schilling Heller.“[1] Eine andere Geschichte ist die der Unsitte, die Marktstände zum Leid der Anwohner schon in den frühesten Morgenstunden aufzubauen, worüber man 1912 in der Zeitung herbe Worte verliert: „Wäre es nicht möglich, im Interesse der Anwohner des Marktplatzes, die ihren Schlaf auch nötig brauchen, darauf hinzuweisen, daß die zum Marktbetrieb nötigen Bretter ruhig hingelegt und nicht, wie meistens, mit voller Gewalt hingeworfen werden, und daß dieser Betrieb nicht schon um 4 Uhr beginnt? Ganz abgesehen von dem sonst oft stattfindenden Spektakel nachts, der das Anwohnen am Marktplatz nichts weniger wie angenehm macht. Mehrere Anwohner.“[2] Amüsant ist auch die Geschichte eines anonymen männlichen Verfassers, der 1958 von seiner Erfahrung berichtete, auf Drängen seiner Frau auf den Wochenmarkt geschickt worden zu sein. In seiner Schilderung werden zeitgenössische, heute natürlich längst überholte Klischees zur Genüge bedient. Für ihn ist der Wochenmarkt eine fremde, ungewohnte Welt, in der er sich nicht zurechtfindet: „Dazwischen drängt sich, Kopf an Kopf, eine kauflustige Menge, Hausfrauen zumeist, die mit sachkundigem Blick vergleichen und wählen, bis die Markttasche gefüllt und das Mittagessen gesichert ist – ein hinundherwogendes Gewimmel, in dem über Angebot und Nachfrage sichtbar die holde Weiblichkeit ihr Szepter schwingt … und da soll ich mich hineinwagen? … Im letzten Augenblick erspähe ich das rettende Eiland, einen Marktstand, hinter dem wahrhaftig ein männliches Wesen steht, ein Mann und keine resolute Marktfrau, gegen deren Mundwerk kein Kraut gewachsen ist.“[3]
Tickets der einmal pro Monat stattfindenden „Kulinarischen Tour“ sind über den i-Punkt erhältlich.
Der Wochenmarkt auf dem Marktplatz im Jahr 1930. Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. E02 Nr. 1760.
[1] Ordnungsgesetz das Leinwand betreffend von 1524, StA Schwäbisch Gmünd, Best. C01 Nr. 12, Chronik des Dominikus Debler, Bd. 2 Bl. 2338.
Das Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd konnte vor kurzem wesentliche Teile des historischen Archivs des Turnvereins Weiler in den Bergen 1920 e. v. als Leihgabe des Vereins in seine Bestände aufnehmen. In einem nächsten Schritt wurden die Unterlagen nun aufbereitet, neu verpackt und in der Datenbank des Stadtarchivs verzeichnet. Das dabei entstandene Findbuch (Bestand B24) steht der Öffentlichkeit ab sofort zur Verfügung.
Der Turnverein Weiler in den Bergen wurde am 01. August 1920 formell gegründet. Für die Erstellung des Jubiläumsbuches zum 100-jährigen Jubiläum im Jahr 2020 diente das sich nun im Stadtarchiv befindliche Archivgut als zentrale Recherchegrundlage. Hervorzuheben sind davon insbesondere die originalen Protokollbände und Mitgliederbücher des Vereins, sowie die historischen Feldpostbriefe von Vereinskameraden aus dem 2. Weltkrieg, die im Zuge der Zusendung von Feldpostpaketen verfasst wurden.
Ein junger Verein: die Mannschaft des Turnvereins Weiler in den Bergen beim Gauturnfest am 10.07.1921 in Heubach (StA GD Best. B24 Bü 10).
Historische Einwohner- und Adressbücher sind für Geschichtsforschende unterschiedlichster Fachrichtungen von zentraler Bedeutung: sei es für die Familienforschung, die Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte, oder auch für die Geschichte von Behörden, Anstalten und Vereinen. Das Schwäbisch Gmünder Stadtarchiv hat nun alle bis 1957 erschienenen Einwohner- und Adressbücher digitalisiert und online gestellt:
Die Chronik des Dominikus Debler (1756-1836) stellt die bedeutendste und umfangsreichste Quelle zur Stadtgeschichte von Schwäbisch Gmünd im 18. und frühen 19. Jahrhundert dar.[1] Der Gmünder Patrizier Debler erlebte mit dem Ende des Alten Reichs den Verlust des reichsstädtischen Status seiner Heimatstadt und den Übergang an das protestantische Württemberg, eine Entwicklung, die er bitterlich beklagte. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse war es ihm ein dringendes Anliegen, möglichst viele politische, topographische, rechtliche, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Facetten der untergegangenen Reichsstadtherrlichkeit zu dokumentieren. In Teilen noch in der späten Reichsstadtzeit begonnen, datiert der Großteil des Werks wohl nach dem Übergang an Württemberg. In 18 eng beschriebenen Foliobänden, durchsetzt mit einer Vielzahl von Wappendarstellungen, Lageplänen, Skizzen, Zeichnungen und genealogischen Stammtafeln, hielt Debler eine schwindelerregende Masse von Informationen fest, die thematisch von der Stadttopographie über die verwandtschaftlichen Beziehungen der Oberschicht, frühneuzeitliche Sitten und Gebräuche, Abschriften und Zusammenfassungen amtlicher Unterlagen bis hin zu chronikalischen Aufzeichnungen zum Tagesgeschehen reichen.
Das Titelblatt des ersten Bandes der Chronik ist kennzeichnend für Deblers ausgeprägte Reichsstadtnostalgie. Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. C01 Nr. 12, Bd. I, S. 18f.
Eine für Gmünd derart zentrale Quelle sollte natürlich so zugänglich wie möglich sein. Die schiere Masse an Text (insgesamt etwa 11.500 Folioseiten) stand der Erarbeitung einer kritischen Edition bisher entgegen. Überlegungen, die Bände zu digitalisieren und durch KI-gesteuerte Texterkennung zumindest ansatzweise durchsuchbar zu machen, mussten zunächst vertagt werden, unter anderem weil sich an Deblers recht kursiver, flüchtiger Handschrift die bisher an Scanauszügen getesteten KI-Modelle gründlich die Zähne ausgebissen haben.
Paläographisch anspruchsvoll: Deblers Hand (oben) in Gündles Wiedergabe (unten; zu “Heloten” vgl. Nachtrag am Ende dieses Textes). Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. C01 Nr. 12, Bd. I, Vorrede, S. 2 bzw. C01 Nr. 12a, Bd. 1, T. 1, S. 3.
Aus der Hand der Gmünder Lehrerin und Heimatforscherin Else Gündle (1894-1970) existiert jedoch als Ergebnis ihrer langjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit im Stadtarchiv eine partielle, gebundene maschinenschriftliche Transkription, die zumindest Teile der Chronik einem breiteren Publikum erschließen kann. Diese umfasst die ersten sechs Bände der Chronik weitgehend vollständig und Band 7 mit einigen Lücken. Das Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd hat die Transkriptionen nun digitalisiert, mit OCR versehen und online zugänglich gemacht (Links siehe unten).
Bei diesem Manuskript handelt es sich um einen Rohtext, der in der vorliegenden Form nicht zur Veröffentlichung, sondern als Hilfsmittel für den internen Gebrauch gedacht war. Die Übertragung entspricht daher nicht dem Standard einer wissenschaftlichen Edition. Im Laufe des Textes begann Gündle, neben der Paginierung des eigenen Manuskripts auch die Seitenzahlen des Originals auszuweisen, das allerdings zum Teil mehrere parallele Paginierungen aufweist. Wir empfehlen daher bei der Zitation die Angabe der Manuskriptpaginierung, evtl. mit der angegebenen Seitenzahl des Originals in Klammern, z. B.: Else Gündle (Bearb.), Transkription der Gmünder Chronik des Dominikus Debler (masch.-schr. Manuskript, o. J.), Bd. 1, T. 2, S. 195 (492); Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Best. C01 (Chroniken) Nr. 12a.
Nachtrag, 25.02.2024: Die oben in der zweiten Abbildung wiedergegebene Transkription Gündles enthält einen Lesefehler (es muss “Sclaven” heißen statt “Heloten”), der versehentlich mit in die Überschrift des Blogposts übernommen wurde. Auf einen berechtigten Hinweis wurde der Fehler bereinigt.
[1] Zu Deblers Leben und Werk siehe Werner H. A. Debler und Klaus Jürgen Herrmann (Hgg.): Die Chronik des Dominikus Debler (1756-1836). Stadtgeschichte in Bildern, Schwäbisch Gmünd 2006.